Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: »Haltung, Prinz. Ich bin der Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern daß man unter allen Umständen Haltung bewahren muß.«

Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr emporgewandt, sagte er nichts als: »Imma … kleine Imma …«

Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und Wachsinn zu verbergen gewöhnt war – nahm sie und küßte sie.

Die Erfüllung

Ernste Gerüchte liefen über den Gesundheitszustand des Finanzministers Doktor Krippenreuther im Lande um. Man sprach von nervöser Zerrüttung, von einem fortschreitenden Magenübel, auf welches in der Tat die schlaffen und gelben Gesichtszüge Herrn Krippenreuthers zu schließen berechtigten … Was ist Größe! Der Tagelöhner, der fahrende Strolch beneideten diesen gequälten Würdenträger nicht um seinen Titel, seine Gnadenketten, seinen Rang bei Hofe, sein hervorragendes Amt, zu dem er zähe emporgestrebt war, um sich darin aufzureiben. Sein Rücktritt war wiederholt als unmittelbar bevorstehend gemeldet worden – einzig und allein dem Widerwillen des Großherzogs gegen neue Gesichter sowie der Erwägung, daß ein Personalwechsel zur Zeit nichts bessern könne, sei es, sagte man, zuzuschreiben, daß dieser Rücktritt noch nicht zur Tatsache geworden war. Doktor Krippenreuther hatte seinen Sommerurlaub in einem Höhenkurort verbracht; aber falls er dort oben einige Erholung gefunden, so wurden nach seiner Heimkehr die gesammelten Kräfte rasch wieder verzehrt, denn gleich zu Beginn der parlamentarischen Jahreszeit gab es Zwietracht zwischen dem Minister und der Budgetkommission – schwere Mißhelligkeiten, die gewiß nicht in einem Mangel an Geschmeidigkeit seinerseits, sondern in den Verhältnissen, der heillosen Sachlage begründet waren.

Mitte September eröffnete Albrecht II. unter den hergebrachten Gebräuchen im Alten Schlosse den Landtag. Eine Anrufung Gottes durch den Hofprediger D. Wislizenus in der Schloßkirche war der Zeremonie voraufgegangen; dann begab sich der Großherzog, begleitet von dem Prinzen Klaus Heinrich, in feierlichem Zuge zum Thronsaal, woselbst die Mitglieder der beiden Kammern, die Minister, die Hofchargen und viele andere Herren in Uniform und Bürgerkleid die fürstlichen Brüder mit einem dreifachen Hoch begrüßten, aufgefordert dazu durch den Präsidenten der Ersten Kammer, einen Grafen Prenzlau.

Albrecht hatte dringend gewünscht, seine Rolle bei der förmlichen Handlung an seinen Bruder abzutreten, und nur auf inständige Gegenvorstellungen des Herrn von Knobelsdorff schritt er im Zuge hinter den als Pagen verkleideten Kadetten her. Er schämte sich seiner verschnürten Husarenjacke, seiner prallen Hosen und dieses ganzen Hokuspokus in dem Grade, daß Ärger und Verlegenheit ihm unzweideutig vom Gesichte zu lesen waren. Seine Schulterblätter waren nervös verzogen, als er die Stufen zum Thron emporstieg. Dann stand er vor dem Theaterstuhl unter dem schadhaften Baldachin und sog an der Oberlippe. Auf dem weißen Stehkragen, der weit aus dem silbernen Husarenkragen hervorragte, ruhte sein schmaler, spitzbärtiger, unmilitärischer Kopf, und seine blauen, einsam blickenden Augen sahen niemanden. Das Klirren der Sporen des Flügeladjutanten, der ihm die Handschrift der Thronrede überreichte, klang durch den Saal, in welchem sich Stille verbreitet hatte. Und leise, ein wenig lispelnd und mehrmals von plötzlicher Heiserkeit unterbrochen, verlas der Großherzog, was man ihm aufgesetzt hatte.

Es war das schonungsvollste Schriftstück, das je zu Gehör gekommen, und setzte jeder niederschlagenden Tatsache äußerer Natur einen dem Volke innewohnenden sittlichen Vorzug entgegen. Es fing damit an, die im Lande vorhandene Tüchtigkeit zu preisen, und räumte dann ein, daß gleichwohl nicht auf allen Gebieten des Erwerbslebens ein eigentlicher Aufschwung zu verzeichnen sei, so daß die Einnahmequellen nicht durchweg die wünschenswerte Ergiebigkeit aufwiesen. Es vermerkte mit Genugtuung, wie der Sinn für das Gemeinwohl und wirtschaftlicher Opfermut sich mehr und mehr in der Bevölkerung ausbreiteten, und erklärte dann ohne Schönfärberei, daß »trotz überaus begrüßenswerter Erhöhung der Steuereingänge infolge Zuzugs steuerkräftiger Fremder« – womit Herr Spoelmann gemeint war – an eine Herabsetzung der Ansprüche an den eben gewürdigten Opfermut nicht wohl habe gedacht werden können. Selbst ohnedies, hieß es weiter, hätten sich im Etatsentwurf nicht alle finanzpolitischen Ziele erreichen lassen, und wenn es zunächst noch nicht gelungen sei, die Schuldentilgung auf das angestrebte Maß zu bringen, so sehe die Regierung doch in der Fortsetzung einer maßvollen Anlehenspolitik den besten Ausweg aus den rechnerischen Verwicklungen. Auf jeden Fall fühle sie sich – die Regierung – in aller Ungunst der Verhältnisse von dem Vertrauen des Volkes getragen, jenem Glauben an die Zukunft, der ein so schönes Erbteil unseres Stammes sei … Und so bald als tunlich verließ die Thronrede das mißliche Gebiet des Geldwirtschaftlichen, um sich minder heiklen Gegenständen, dem Kirchen-, Schul- und Rechtswesen zuzuwenden. Staatsminister von Knobelsdorff erklärte im Namen des Monarchen den Landtag für eröffnet. Und die Hochrufe, die Albrecht begleiteten, als er den Saal verließ, hatten einen trotzig verzweifelten Nachdruck.

Da die Witterung noch sommerlich war, kehrte er sofort nach Hollerbrunn zurück, von wo er notgedrungen zur Stadt gekommen war. Er hatte das seine getan, und was übrigblieb, war Sache Herrn Krippenreuthers und des Landtags. Es kam, wie gesagt, sogleich zu Streitigkeiten, und zwar wegen mehrerer Punkte auf einmal: der Vermögenssteuer, der Fleischsteuer und des Beamtengehaltstarifs.

Da nämlich die Volksvertretung für nichts in der Welt zur Bewilligung neuer Steuern zu bewegen gewesen wäre, so war Doktor Krippenreuthers grübelnder Geist darauf verfallen, die bisher gebräuchlich gewesenen Extrasteuern in eine Vermögenssteuer umzuwandeln, die, den Steuerfuß auf dreizehneinhalb vom Hundert angesetzt, einen Mehrertrag von rund einer Million ergeben würde. Wie bitter notwendig, ja, wie unzulänglich ein solcher Mehrertrag war, erhellte denn auch aus dem Hauptvoranschlag für das neue Etatsjahr, welcher, der Übernahme neuer Lasten auf die Staatskasse ungeachtet, mit einem Fehlbetrag abschloß, der das Herz jedes wirtschaftlich Einsichtigen mußte erbeben machen. Da aber klar war, daß fast allein die Städte durch die Vermögenssteuer würden belastet werden, so kehrte sich gegen den Steuerfuß von dreizehneinhalb die volle Entrüstung der städtischen Vertreter, und zum mindesten forderten sie als Entgelt die Abschaffung der Fleischsteuer, die sie volksfeindlich und vorsintflutlich nannten. Hinzu kam, daß die Kommission mit Unnachgiebigkeit auf der längst versprochenen und immer hinausgeschobenen Aufbesserung der Beamtenbesoldung bestand – wobei nicht zu leugnen war, daß die Gehälter der Verwaltungsbeamten, Geistlichen und Lehrer des Großherzogtums in der Tat zum Erbarmen aufforderten. Allein Dr. Krippenreuther konnte nicht Gold machen – »ich habe nicht Gold machen gelernt«, sagte er wörtlich –, und so wenig er sich in der Lage sah, auf die Fleischsteuer zu verzichten, so wenig wußte er Rat gegen den Notstand der Beamten. Ihm blieb nichts übrig, als auf seine dreizehneinhalb vom Hundert zu trotzen, obwohl er am besten wußte, daß man durch ihre Bewilligung nicht wesentlich würde gefördert sein. Denn die Lage war ernst, und schwermütige Geister gaben ihr trübere Bezeichnungen.