Über die Ernteergebnisse der letzten Jahre enthielt die »Zeitschrift des Großherzoglichen Statistischen Bureaus« erschreckende Angaben. Die Landwirtschaft hatte eine Reihe von Mißjahren zu verzeichnen. Wetterunbilden, Hagel, Dürre und übermäßiger Regen hatten die Bauern getroffen; ein außerordentlich schneearmer und kalter Winter hatte die Saaten erfrieren gemacht; und die Krittler behaupteten, wenn auch ziemlich unbewiesenerweise, daß die Fällungen bereits das Klima beeinträchtigt hätten. Jedenfalls war laut zahlenmäßiger Nachweisung der Gesamtertrag an Körnern im beunruhigendsten Grade zurückgegangen. Die Beschaffenheit des Strohs, das übrigens in ungenügenden Mengen vorhanden war, ließ der amtlichen Redewendung nach zu wünschen übrig; die Ziffern der Kartoffelernte standen weit hinter dem Durchschnittsertrag von Jahrzehnten zurück, zu schweigen davon, daß nicht weniger als zehn vom Hundert dieser Früchte erkrankt waren; den künstlichen Futterbau angehend, so zählten die letzten beiden Jahre, sowohl in bezug auf die Menge als auch auf die Beschaffenheit des Ertrages an Klee und Luzerne, zu den ungünstigsten der ganzen Erhebungsperiode, und weder mit der Ernte an Winterraps noch mit derjenigen an Heu und Grummet stand es besser. Der Niedergang der landwirtschaftlichen Verhältnisse fand krassen Ausdruck in der Zunahme der Zwangsveräußerungen, deren Ziffer in diesem Berichtsjahr entsetzlich emporschnellte. Aber der Mißwuchs zog Steuerausfälle nach sich, die, wenn sie anderswo schmerzlich empfunden worden wären, bei uns verhängnisvoll wirken mußten.

Die Forsten? Es war nichts daraus erwirtschaftet worden. Ein Unheil kam zum andern; Schädlinge, Nonnen hatten die Wälder mehrmals heimgesucht – und daran, daß durch die Überhauungen der Wald überhaupt in seinem Kapitalwerte erschüttert war, braucht nicht erinnert zu werden.

Die Silberbergwerke? Sie waren lange erträgnislos gewesen. Zerstörende Naturmächte hatten den Betrieb unterbrochen, und da die Wiederherstellung große Kosten verursacht haben würde, auch die Ergebnisse niemals so recht den Aufwendungen hatten entsprechen wollen, so hatte man sich genötigt gesehen, die vorläufige Auflassung der Werke zu verfügen, obgleich dadurch viele Arbeiter brotlos gemacht und ganze Gegenden geschädigt wurden.

Genug! Wie es in dieser Zeit der Prüfung um die ordentlichen Einnahmen des Staates stand, ist hiermit gekennzeichnet. Die schleichende Krise, das von einem Wirtschaftsjahr in das andere geschleppte Defizit war durch Notstand, durch die Feindseligkeit der Elemente und Steuerausfall brennend, war schreiend geworden, und bei der ratlosen Umschau nach Heilmitteln – nach Linderungsmitteln offenbarte sich dem blödesten Blick der ganze Jammer unserer Finanzgebarung. An die Bewilligung neuer Abgaben war nicht einmal zu denken. Steueruntüchtig von Natur, war das Land in diesem Augenblick erschöpft, seine Steuerkraft erlahmt, und die Krittler behaupteten, daß auf dem Lande der Anblick unterernährter Gestalten immer häufiger werde, woran erstens die empörenden Verzehrungssteuern und zweitens die unmittelbaren Steuerlasten die Schuld trügen, welche bekanntlich den Viehbesitzer zwängen, alle Vollmilch zu Gelde zu machen. Was aber jenes andere, minder sittliche, doch verlockend bequeme Hilfsmittel gegen Geldmangel betrifft, welches die Finanzwissenschaft kennt, nämlich die Anleihe, so war die Stunde gekommen, wo eine mißbräuchliche und leichtfertige Ausnutzung dieses Mittels sich bitter zu rächen begann.

Nachdem man die Schuldentilgung eine Weile auf ungeschickte und verlustbringende Weise betrieben, hatte man sie unter Albrecht II. so gut wie ganz unterlassen, hatte die klaffenden Löcher im Etat mit neuen Anleihen und Schatzscheinen notdürftig gestopft und sah sich erbleichend einer schwebenden und kurzfristigen fundierten Schuld gegenüber, deren Höhe zur Kopfzahl der Einwohnerschaft in skandalösem Verhältnis stand. Doktor Krippenreuther war nicht vor den Praktiken zurückgeschreckt, die in solchem Falle dem Staat zu Gebote stehen. Er hatte sich hoher Kapitalverbindlichkeiten entschlagen, hatte zur Zwangskonversion gegriffen und, nicht ohne gleichzeitige Herabsetzung des Zinsfußes, kurzfristige Schulden über die Köpfe der Gläubiger hinweg in ewige Rentenschulden umgewandelt. Aber die Renten wollten gezahlt sein, und während diese Zahlungsverpflichtungen unsere Volkswirtschaft unerträglich belasteten, wurde durch den Tiefstand des Kurses bei jeder neuen Ausgabe von Schuldverschreibungen der Kapitalerlös für die Staatskasse geringer. Mehr noch: die wirtschaftliche Krise im Großherzogtum bewirkte, daß die auswärtigen Gläubiger ihre Forderungen hastig zu veräußern suchten, was wiederum Kurssturz und verstärkten Geldabfluß zur Folge hatte, und Bankbrüche in der Geschäftswelt waren an der Tagesordnung.

Mit einem Worte: unser Kredit war erschüttert, unsere Papiere standen tief unter dem Nennwerte, und wenn der Landtag eine neue Anleihe vielleicht auch lieber als neue Steuern bewilligt hätte, so waren die Bedingungen, die dem Lande auferlegt worden wären, doch solcher Art, daß die Begebung schwierig, wenn nicht unmöglich erschien. Denn zu allem Unglück kam dies, daß man gerade damals unter dem Druck jener allgemeinen wirtschaftlichen Mißstimmung, jener Geldteuerung stand, die noch in jedermanns Erinnerung ist.

Was tun, um festen Boden zu gewinnen? Wohin sich wenden, um den Geldhunger zu stillen, der uns verzehrte? Die Veräußerung der zur Zeit erträgnislosen Silberbergwerke und die Verwendung des Erlöses zur Tilgung hochverzinslicher Schulden war längst erwogen worden. Jedoch durch den Verkauf, der, wie die Dinge lagen, notwendig ungünstig ausfallen mußte, wäre nicht nur das in den Werken angelegte Kapital fast ganz verlorengegangen, sondern der Staat hätte sich auch der Gewinne begeben, die dennoch vielleicht über kurz oder lang einmal daraus würden zu erlangen sein – und schließlich war nicht von heute auf morgen ein Käufer zu finden. Einen Augenblick – es war ein Augenblick seelischer Hinfälligkeit – kam selbst der Verkauf von Staatsforsten in Betracht. Aber hier darf gesagt werden, daß immerhin genug gesunder Sinn im Lande vorhanden war, um zu verhindern, daß unsere Wälder der Privatindustrie überantwortet würden.

Um nichts zu verschweigen: noch andere Verkaufsgerüchte kamen auf, Gerüchte, die darauf schließen ließen, daß die Verlegenheit nicht vor Stätten haltmachte, welche das ehrerbietige Volk sich gern als allen Unbilden der Zeit entrückt gedacht hätte. Der »Eilbote«, nicht gewohnt, seinem Zartgefühl eine Information zu opfern, brachte zuerst die Nachricht, daß zwei im offenen Lande gelegene Schlösser des Großherzogs, »Zeitvertreib« und »Favorita«, dem Verkauf unterstellt seien. In Erwägung, daß beide Besitztümer für Wohnzwecke der allerhöchsten Familie nicht mehr in Betracht kämen und jährlich steigende Zuschüsse erforderten, habe die Verwaltung der Kronfideikommißgüter die zuständigen Stellen angewiesen, die Veräußerung in die Wege zu leiten. Was bedeutete das? Offenbar stand es anders damit als mit dem Verkauf von »Delphinenort«, der die Folge eines ganz außerordentlichen und überaus günstigen Angebots und außerdem eine Handlung der Staatsklugheit gewesen war. Leute, die abgehärtet genug waren, um Dinge namhaft zu machen, vor deren Nennung ein feineres Empfinden zurückbebt, sprachen es aus, daß die Hoffinanzdirektion von unruhig gewordenen Gläubigern rücksichtslos bedrängt werde und, wenn sie solche Verkäufe empfehle, einem unerbittlichen Zwang unterliege.

Wohin war es gekommen? In welche Hände würden die Schlösser gelangen? Gerade die Bestgesinnten, die so fragten, waren geneigt, eine weitere Nachricht, die von überklugen Alleswissern ausgesprengt wurde, als tröstlich zu empfinden und zu glauben: Daß nämlich abermals niemand anders als Samuel Spoelmann der Käufer sei – eine völlig grundlose und aus der Luft entstandene Meldung, die aber erkennen läßt, welche Rolle in der Vorstellungswelt des Volkes der einsame und leidende kleine Mann spielte, der sich in seiner Mitte fürstlich niedergelassen hatte.

Dort hauste er, mit seinem Leibarzt, seiner elektrisch betriebenen Orgel und seiner Gläsersammlung, hinter den Säulen, den Bogenfenstern und gemetzten Laubgewinden des Lustschlosses, das sein Wink aus dem Verfalle hatte erstehen lassen. Man sah ihn fast nie; er lag mit Breiumschlägen. Aber man sah seine Tochter, dies fremdartige, mit launischem Mienenspiel auf königlicher Höhe lebende Wesen, das eine Gräfin zur Gesellschaft hatte, der Algebra oblag und frei und zornig mitten durch die Wachtmannschaft gegangen war – man sah sie, und an ihrer Seite sah man zuweilen den Prinzen Klaus Heinrich.