»… halte Ordnung und schreibe alles auf und passe auf die Leute, und bei allem Aufwand, den man der Welt schuldet, bringt man alljährlich was Ansehnliches auf die Seite und denkt an die Kinder. Und mein guter Philipp … Er läßt dich grüßen, Klaus Heinrich, ich vergaß das, er bedauert herzlich, heute nicht anwesend sein zu können … Da sind wir nun kaum von Hohenried zurück, und er ist schon wieder unterwegs, in Geschäften, auf den Gütern – so klein und zart von Natur, wie er ist, aber wenn es um seinen Torf und seine Sägemühlen geht, so bekommt er rote Backen, und er sagt selbst, daß er viel gesünder geworden ist, seitdem er so viel zu tun hat …«

»Sagt er das?« fragte Klaus Heinrich, und in seine Augen kam etwas Trübes, während er geradeaus über den Blumentisch hin auf das helle Fenster blickte … »Ja, ich kann es mir ganz gut denken, daß es gewissermaßen anregend wirken muß, so recht tüchtig beschäftigt zu sein. Bei mir im Park sind nun auch wieder die Wiesen gemäht, zum zweitenmal dieses Jahr, und es macht mir Spaß, zu sehen, wie das Heu zu regelrechten Hügeln aufgebaut wird, mit einem Stock mitten durch, daß es aussieht wie ein Lager von kleinen Indianerhütten, oder so ähnlich, und dann wird Schulenburg es verkaufen. Aber das ist natürlich nicht zu vergleichen …«

»Ach, du!« sagte Ditlinde und drückte das Kinn auf die Brust. »Mit dir ist es doch etwas anderes, Klaus Heinrich! Der nächste am Thron! Du bist doch zu anderen Dingen berufen, sollte ich denken. Bewahre! Freu' du dich deiner Beliebtheit bei den Leuten …«

Sie schwiegen eine Weile.

»Und du, Ditlinde,« sagte er dann, »nicht wahr, dir geht es ebenfalls gut und besser als früher, da müßt' ich mich täuschen. Ich sage nicht, daß du rote Backen bekommen hast, wie Philipp von seinem Torf; ein bißchen durchsichtig warst du ja immer und bist du geblieben. Aber du hast einen frischen Ausdruck, wie? Ich habe noch nie gefragt, seit du verheiratet bist, aber ich glaube, man kann getrost sein in Hinsicht auf dich.«

Sie saß in friedlicher Haltung, die Arme leicht unter der Brust verschränkt.

»Ja,« sagte sie, »mir ist wohl, Klaus Heinrich, du hast recht gesehen, und das wäre Undank, wollt' ich mich nicht zu meinem Glücke bekennen. Siehst du, ich weiß sehr gut, daß manche Leute im Land enttäuscht sind von meiner Heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei hinabgestiegen und was noch alles. Und solche Leute sind gar nicht weit zu suchen, denn Bruder Albrecht, das weißt du so gut wie ich, im Herzen verachtet er meinen guten Philipp und mich dazu und kann ihn nicht leiden und nennt ihn bei sich einen Händler und Bürgersmann. Aber das kann mich nicht kümmern, denn ich habe es gewollt und habe Philipps Hand genommen – ergriffen würd' ich sagen, wenn es nicht so wild klänge –, habe sie genommen, weil sie warm und gut war und sich bot, mich aus dem Alten Schlosse herauszuführen. Denn wenn ich daran zurückdenke, an das Alte Schloß und das Leben darin, wie ich es ohne den guten Philipp wohl immer fortgeführt hätte, dann graust mir, Klaus Heinrich, und ich fühle, daß ich es nicht ertragen hätte und wirr und wunderlich geworden wäre wie die arme Mama. Ich bin ein bißchen zart von Natur, wie du weißt, ich wäre ganz einfach zugrunde gegangen, in so viel Öde und Traurigkeit, und als der gute Philipp kam, da dacht' ich: das ist deine Rettung. Und wenn die Leute sagen, daß ich eine schlechte Prinzessin bin, weil ich gewissermaßen abgedankt habe und hierhergeflüchtet bin, wo es ein bißchen wärmer und freundlicher ist, und wenn sie sagen, daß es mir an Würdegefühl oder Hoheitsbewußtsein, oder wie sie es nennen, gebricht, dann sind sie dumm und unwissend, Klaus Heinrich, denn ich habe zuviel, ich habe im Gegenteile zuviel davon, das ist die Sache, sonst hätte das Alte Schloß mir nicht solche Angst gemacht, und das sollte Albrecht verstehen können, denn er hat auch zuviel davon auf seine Art – wir Grimmburger haben alle zuviel davon, und darum sieht es zuweilen aus, als hätten wir zuwenig. Und manchmal, wenn Philipp unterwegs ist, so wie jetzt, und ich hier sitze, unter meinen Blumen und Philipps Bildern mit all ihrer Sonne – nur gut, daß es gemalte Sonne ist, denn bewahre! sonst müßte man Schutzvorkehrungen treffen – und alles ist ordentlich und nett, und ich denke an das Bessere, wie du es nennst, das ich nun bald zu warten haben werde, dann komme ich mir vor wie die kleine Meernixe in dem Märchen, das Madame aus der Schweiz uns vorlas, wenn du dich erinnerst – die eines Menschen Frau wurde und Beine erhielt statt ihres Fischschwanzes … Ich weiß nicht, ob du mich verstehst …«

»O ja, Ditlinde, doch, ich verstehe dich ausgezeichnet. Und ich bin herzlich froh, daß alles sich so gut und glücklich für dich gefügt hat. Denn es ist gefährlich, will ich dir sagen, es ist meiner Erfahrung nach schwer für uns, auf eine angemessene Art glücklich zu werden. Man gerät so bald auf Irrwege und wird mißverstanden, denn das Schlimme ist, daß eigentlich niemand unsere Würde hütet, wenn wir es nicht selber tun, und dann artet alles so leicht in Schimpf und Schande aus … Aber wo ist der richtige Weg? Du hast ihn gefunden. Mich haben sie auch neulich in den Zeitungen verlobt gesagt, mit unserer Cousine Griseldis. Das war ein Versuchsballon, wie sie es nennen, und es scheint ihnen wohl an der Zeit. Aber Griseldis ist ein törichtes Mädchen und halbtot vor Bleichsucht und sagt immer nur ›jä‹, soweit ich sie kenne. Ich denke gar nicht an sie, und Knobelsdorff, Gott sei Dank, auch nicht. Die Nachricht ist ja auch gleich als unbegründet bezeichnet worden … Jetzt kommt Albrecht!« sagte er und stand auf.

Man hatte draußen gehüstelt. Ein Diener in olivengrüner Livree öffnete mit einer raschen, festen und lautlosen Bewegung seiner beiden Arme die Flügeltür und meldete mit gesenkter Stimme: »Seine Königliche Hoheit, der Herr Großherzog.«

Dann trat er in Verbeugung zur Seite. Albrecht kam durch den großen Salon.