So erteilte Klaus Heinrich Freiaudienzen, und so übte er seinen hohen Beruf. Er lebte auf »Eremitage« in seiner kleinen Flucht von Empirestuben, die so streng und dürftig, mit kühlem Verzicht auf Behagen und Traulichkeit eingerichtet waren. Verblichene Seide bespannte dort oberhalb der weißen Täfelung die Wände, an den schmucklosen Decken hingen Kristallkronen, geradlinige Sofas, ohne Tische zumeist, und dünnbeinige Etageren mit Säulenstutzuhren standen an den Wänden, Stuhlpaare, weiß lackiert, mit ovalen Rückenlehnen und dünnen Seidenbezügen flankierten die weiß lackierten Flügeltüren, und in den Winkeln standen weiß lackierte Gueridons, die vasenähnliche Armleuchter trugen. So sah es aus bei Klaus Heinrich, und er war einverstanden mit dieser Umgebung.

Er lebte innerlich still, ohne Begeisterung oder Glaubenseifer in öffentlichen Streitfragen. Er eröffnete als Vertreter seines Bruders den Landtag, nahm aber keinen Anteil an den Vorgängen dortselbst und vermied jedes Ja und Nein im Zwiespalt der Parteien – unentschieden und ohne Überzeugungswärme wie einer, dessen Angelegenheit höher ist als alles Parteiwesen. Jeder sah ein, daß seine Stellung ihm Zurückhaltung auferlegte, aber viele empfanden, daß der Mangel an Teilnahme auf eine befremdende und lähmende Weise in seinem Wesen ausgeprägt sei. Viele, die mit ihm in Berührung kamen, bezeichneten ihn denn auch als »kalt«; und wenn Doktor Überbein diese »Kälte« mit lauten Redensarten leugnete, so war zu bezweifeln, ob der einseitige und ungemütliche Mann befähigt war, in dieser Frage ein Urteil zu fällen. Natürlich kam es vor, daß Klaus Heinrichs Blick sich mit solchen kreuzte, die ihn überhaupt nicht anerkannten, frechen, höhnischen, gehässig erstaunten Blicken, die seine ganze Leistung und Anstrengung verachteten und nicht kannten. Aber auch bei gutwilligen, fromm gearteten Leuten, die sein Leben zu achten und zu ehren sich bereit zeigten, bemerkte er zuweilen nach kurzer Zeit eine gewisse Erschöpftheit, ja Gereiztheit, wie als ob sie im Luftkreis seines Wesens nicht lange zu atmen vermöchten; und das betrübte Klaus Heinrich, ohne daß er es abzustellen gewußt hätte.

Er hatte gar nichts zu tun im täglichen Leben; ob ihm ein Gruß gelang, ein gnädiges Wort, eine gewinnende und doch würdevolle Handbewegung, war wichtig und entscheidend. Einst kehrte er in Mütze und Mantel von einem Spazierritt zurück, ritt langsam auf seinem braunen Pferde Florian durch die Birkenallee, die am Rande unbebauten Geländes entlang auf Park und Schloß »Eremitage« zuführte, und vor ihm her ging ein schäbig gekleideter junger Mensch mit einer Pudelmütze und einem lächerlichen Schopf im Nacken, zu kurzen Ärmeln und Hosen und außerordentlich großen Füßen, die er einwärts setzte. Es mochte ein Realschüler oder dergleichen sein, denn er trug ein Reißbrett unter dem Arm, worauf mit Stiften eine große Zeichnung, ein ausgerechnetes Liniengewirr in roter und schwarzer Tinte, eine Projektion oder ähnliches, befestigt war. Klaus Heinrich hielt lange sein Pferd hinter dem jungen Menschen und betrachtete die rot und schwarze Projektion auf dem Reißbrett. – Zuweilen dachte er, daß es gut sein müsse, einen ordentlichen Nachnamen zu haben, Doktor Fischer zu heißen und einem ernsten Beruf nachzugehen.

Er repräsentierte bei den Hoffestlichkeiten, dem großen und kleinen Ball, dem Diner, den Konzerten und der großen Cour. Er ging auch mit seinen rotköpfigen Vettern, den Herren des Gefolges, im Herbst auf die Hofjagden, der Sitte wegen, und obwohl sein linker Arm ihm das Schießen beschwerlich machte. Oft sah man ihn abends im Hoftheater, in seiner rot ausgeschlagenen Proszeniumsloge zwischen den beiden weiblichen Skulpturen mit den gekreuzten Händen und den leeren, strengen Gesichtern. Denn das Theater unterhielt ihn, er liebte es, den Schauspielern zuzusehen, zu beobachten, wie sie sich gaben, auf- und abtraten, ihre Rolle durchführten. Meistens fand er sie schlecht, unzart in ihren Mitteln zu gefallen und ungeübt in der feineren Vortäuschung des Natürlichen und Kunstlosen. Übrigens war er geneigt, den niederen und volkstümlichen Gegenden der Szene vor den hohen und feierlichen den Vorzug zu geben. In der Residenz wirkte am »Singspieltheater« eine Soubrette namens Mizzi Meyer, die in den Zeitungen und im Munde des Publikums nicht anders als »unsere« Meyer hieß, und zwar auf Grund ihrer schrankenlosen Beliebtheit bei groß und klein. Sie war nicht schön, kaum hübsch, sie sang mit kreischender Stimme, und streng genommen, waren ihr keine besonderen Gaben zuzusprechen. Dennoch brauchte sie nur die Bühne zu betreten, um Stürme der Zustimmung, des Beifalls, der Aufmunterung zu entfesseln. Denn diese blonde und gedrungene Person mit ihren blauen Augen, ihren breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, ihrer gesunden, lustigen oder auch gern ein wenig rührseligen Art war Fleisch vom Fleische des Volkes und Blut von dem seinen. Solange sie, geschmückt, geschminkt und von allen Seiten beleuchtet, der Menge gegenüber auf den Brettern stand, war sie in der Tat die Verklärung des Volkes selbst – ja, das Volk beklatschte sich selber, indem es sie beklatschte, und darin ganz allein beruhte Mizzi Meyers Macht über die Gemüter. – Klaus Heinrich besuchte gern mit Herrn von Braunbart-Schellendorf das »Singspieltheater«, wenn Mizzi Meyer sang, und beteiligte sich lebhaft am Beifall.

Eines Tages hatte er eine Begegnung, die ihm einerseits zu denken gab, anderseits ihn auch wieder enttäuschte. Es war die mit Herrn Martini, Axel Martini, demselben, der die beiden von Sachverständigen viel gerühmten Poesiebücher »Evoë!« und »Das heilige Leben« verfaßt hatte. Das Zusammentreffen kam auf folgende Weise zustande.

In der Residenz lebte ein begüterter alter Herr, Oberregierungsrat seinem Titel nach, der, seit er sich aus dem Staatsdienst in den Ruhestand zurückgezogen, sein Leben der Förderung der schönen Künste, insbesondere der Dichtkunst, gewidmet hatte. Er war der Begründer jener Einrichtung, die man unter dem Namen des »Maikampfes« kannte – eines alljährlich zur Lenzzeit sich wiederholenden poetischen Turniers, zu dem der Oberregierungsrat durch Rundschreiben und Anschläge die Dichter und Dichterinnen des Vaterlandes ermutigte. Preise waren ausgesetzt für das zärtlichste Liebeslied, das innigste religiöse Gedicht, den feurigsten patriotischen Sang, für die trefflichsten lyrischen Leistungen zum Preise der Musik, des Waldes, des Frühlings, der Lebenslust – und diese Preise bestanden außer Geldgewinnen in sinnigen und wertvollen Andenken wie goldenen Federn, goldenen Busennadeln in Leier- und Blumenform und dergleichen mehr. Auch die Stadtobrigkeit der Residenz hatte einen Preis gestiftet, und der Großherzog spendete einen silbernen Pokal als Belohnung für das unbedingt vorzüglichste unter allen eingesandten Gedichten. Der Schöpfer des »Maikampfes« selbst, der die erste Sichtung des stets gewaltigen Stoffes besorgte, nahm im Bunde mit zwei Universitätsprofessoren und den Feuilletonredakteuren des »Eilboten« und der »Volkszeitung« das Amt des Preisrichters wahr. Die gekrönten und die lobend erwähnten Beiträge wurden regelmäßig als Jahrbuch auf Kosten des Oberregierungsrates gedruckt und herausgegeben.

Dieses Jahr nun hatte sich Axel Martini am »Maikampf« beteiligt und war als Sieger daraus hervorgegangen. Das Gedicht, das er vorgelegt hatte, ein begeistertes Loblied auf die Lebenslust oder vielmehr ein überaus stürmischer Ausbruch der Lebenslust selbst, ein hinreißender Hymnus auf des Lebens Schönheit und Furchtbarkeit, war im Stile seiner beiden Bücher gehalten und hatte Zwietracht ins Richterkollegium getragen. Der Oberregierungsrat selbst und der Professor für Philologie hatten es mit einer anerkennenden Erwähnung abspeisen wollen; denn sie fanden es maßlos im Ausdruck, roh in seiner Leidenschaft und stellenweise unumwunden anstößig. Aber der Professor für Literaturgeschichte zusammen mit den Redakteuren hatten sie überstimmt, nicht nur in Hinsicht darauf, daß Martinis Beitrag das beste Gedicht an die Lebenslust darstelle, sondern auch bezüglich seines unbedingten Vorranges, und schließlich hatten sich auch die beiden Gegner dem Eindruck dieses schäumenden und betäubenden Wortsturzes nicht entziehen können.

Axel Martini hatte also dreihundert Mark, eine goldene Busennadel in Leierform und obendrein den silbernen Pokal des Großherzogs erhalten, und sein Gedicht war im Jahrbuch an erster Stelle mit einer zeichnerischen Umrahmung von der Künstlerhand des Professors von Lindemann abgedruckt worden. Es kam aber hinzu, daß der Sitte gemäß der Sieger (oder die Siegerin) im »Maikampf« vom Großherzog in Audienz empfangen wurde; und da Albrecht gerade unpäßlich war, so fiel auch dieser Empfang seinem Bruder zu.

Klaus Heinrich fürchtete sich ein wenig vor Herrn Martini. –

»Gott, Doktor Überbein,« sagte er bei einer kurzen Begegnung mit seinem Lehrer, »was soll ich mit ihm anfangen? Er ist gewiß ein wilder, unverschämter Mensch.«