»Die Wohltat bestand darin, daß sich ihr Geist verwirrte, daß im äußersten Jammer etwas in ihr übersprang – diesen Ausdruck hat sie mir gegenüber verwendet –, daß sie sich nicht mehr mit klarem und nüchternem Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu leisten brauchte, sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu lassen, sich einige Abspannung zu gönnen und ein bißchen zu schwatzen. Mit einem Worte, die Wohltat war, daß sie wunderlich wurde.«

»Ich hatte allerdings den Eindruck,« sagte Klaus Heinrich, »daß die Frau Gräfin sich gehen ließ, als sie schwatzte.«

»So verhält es sich, Prinz. Sie weiß es ganz gut, wenn sie schwatzt, und lächelt wohl zwischendurch oder läßt einfließen, daß sie ja niemandem weh damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren sie gewissermaßen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie wollen, ein Mangel an …«

»An Haltung«, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zügel nieder.

»Gut, an Haltung«, wiederholte sie und sah ihn an. »Es scheint, daß besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.«

»Ich bin allerdings der Meinung,« antwortete er leise, »daß es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern daß es unter allen Umständen geboten ist, Haltung zu wahren.«

»Euere Hoheit«, erwiderte sie, »bekunden eine löbliche Sittenstrenge.« Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches Köpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fügte sie mit ihrer gebrochenen Stimme hinzu: »Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen, und ich bitte, es wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht gesonnen sind, ein wenig Mitleid und Nachsicht und Milde zu üben, so werde ich mich des Vergnügens Ihrer erlauchten Gesellschaft ein für allemal entschlagen müssen.«

Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.

»Wollen Sie nicht weiter erzählen, wie die Gräfin zu Ihnen kam?« fragte er endlich.

»Nein, das will ich nicht«, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er so herzlich bat, beendete sie ihre Erzählung und sagte: »Nun, das war einfach genug. Die Gräfin kam und meldete sich in der Fünften Avenue, da sie gehört hatte, daß man eine deutsche Gesellschaftsdame für mich suchte. Und obgleich sich noch fünfzig andere Damen meldeten, so fiel doch meine Wahl – denn ich hatte zu wählen – sofort auf sie, so sehr war ich nach unserer ersten Unterredung für sie eingenommen. Sie war wunderlich, das sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus überguter Kenntnis des Elends und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer Worte hervor, und was mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig allein und abgesondert gewesen und vollständig ununterrichtet geblieben, wenn ich von meinen Universitätsstudien absehe …«