Um mich des Gesundheitszustandes einigermaßen zu vergewissern, suchte ich in dem Tauf- und Sterberegister der lateinischen Gemeinde bei den Kapuzinern (Kloster de propaganda fide) nach. Ich rühme die Freundlichkeit und Bereitwilligkeit, womit der würdige Guardian meine Nachforschungen unterstützte. So wenig meine Erwartung durch die Anlage des Todtenbuches gerechtfertiget wurde, so wäre noch weit minder bei den Mohammetanern auszubeuten gewesen, die auf dem Kissen des Fatalismus gar zu sanft schlafen. Ich möchte das von der lateinischen Gemeinde (die namentlich auch Levantiner zählt) gewonnene Resultat allerdings nicht als Maßstab für die gesammte Bevölkerung von Kairo vorhalten. So viel leidet indessen kaum einen Widerspruch, daß es, weil es eben von Einwohnern dieser Stadt abgezogen wurde, eher im Allgemeinen die Bevölkerung Kairo’s ankündigt, als irgend eine andere. Im jährlichen Durchschnitte starben, mit Ausnahme des Jahres 1831, in den 10 Jahren 1824 bis und mit 1834, 36 Personen, und 47 wurden getauft. Wenn der Getaufte zur Bevölkerung sich verhielte gleich 22 zu 1, wie in dem französischen Finistère-Departement, wo gerade 1 auf 22 geboren wird, so wäre die lateinische Gemeinde 1034 Seelen stark. Jeder Sachkundige sieht ein, daß dieser Schluß um so mehr Mißtrauen erregt, je gewisser die Gemeinde eine sehr zusammengesetzte und wandelbare Bevölkerung enthält. Das Alter der Verstorbenen fand ich bloß in den Jahren 1833 und 1834 genügend verzeichnet. In diesen Jahrgängen fehlt es einzig bei zwei erwachsenen Personen, denen ich willkürlich 20 Jahre gab. Die insgesammt (durch diese zwei Jahre) 114 Verstorbenen hatten zusammen ein Alter von 2180 Jahren, 10 Monaten und 14 Tagen. Die durchschnittliche Lebensdauer beträgt demnach 19 Jahre. Die älteste Person, welche ich im Sterberegister traf, war eine Maria Hadad aus Jerusalem; sie brachte ihr Leben auf 95 Jahre. Prosper Alpinus gibt den Egypziern ein sehr langes, und selbst ein längeres Leben, als den Europäern, ohne jedoch einen Beweis für seine Behauptung anzuführen. In den genannten Jahren starben im Durchschnitte während der Monate Julius und August am meisten, und während des Hornungs am wenigsten. Der Weinmonat gilt als der gesundeste Monat des Jahres. Kaum weniger gesund dürften November, Jenner und Hornung sein, wie die Sterbeliste andeutet.

Die Krankheiten, welche vor den übrigen Schrecken verbreiten, sind Pest und Cholera.

Die Bubonenpest verschonte Egypten in der neuern Zeit seit dem Jahre 1824 bis zum Christmonat 1834, hiemit ein ganzes Jahrzehn. Indessen wüthete sie im Jahr 1824 nicht besonders heftig, und es gingen aus der lateinischen Gemeinde bloß 37 Personen in den Monaten Merz, April und Mai mit Tode ab. Nach ältern Beobachtungen beginnt sie im Jenner oder Hornung, schreitet verheerender während des Chamsîns vorwärts, und wird durch die größte Sonnenhitze gleichsam abgeschnitten. Am St. Johannestage glaubt der Europäer sich sicher. Im ersten Halbjahre und im Monate Julius 1835 verlor die lateinische Gemeinde zweihundert und elf Pesttodte, und zwar weitaus die größte Zahl im April und Mai. Man schätzte die Summe aller in Kairo an der Pest Hingeschiedenen, wohl doch in übertriebenem Maße, auf 100,000. Die Europäer, welchen in der letzten Pestzeit die Mittel zu Gebote standen, sperrten sich ein. Unter alle Eingesperrte schlich sich während der letzten Seuche die Pestkrankheit nie und nirgends ein. In einem Hause brach zwar die Pest aus; allein sie wurde durch einen besonderen Fall eingeschleppt. Aus einem verpesteten Hause ließ man ohne alle Gefährde einen sogenannten Drachen zur Belustigung auffliegen. Ein Kind jenes Hauses befand sich auf dem Söller, der Drache fiel auf dasselbe, und in wenig Stunden erkrankte es und erlag dem Drachen — der Pest. So lange keine Todtenregister geführt werden, dürfen die Sterbeziffern nicht anders, als mit Zweifel betrachtet werden. Dieß gilt namentlich auch von der geschichtlichen Angabe, daß zu Kairo im Jahr 1472 während sechs Monaten 600,000 und, nach Prosper Alpinus, im Jahr 1580, 500,000 Menschen in ebenso viel Zeit an der Pest starben.

In der neuern Zeit erklärten vorzüglich die französischen Aerzte, an ihrer Spitze Clot-Bei, aber auch der besonnenere Gaëtani die Seuche für miasmatisch. Mit einiger Vorsicht öffneten sie viele Leichname und blieben verschont. Mittlerweile verschwanden drei deutsche Aerzte als ein Opfer der Pest. Die Bravour Clots gefiel Mehemet-Ali in so hohem Grade, daß letzterer ihn in den Generalsstand erhob, und der glänzende Halbmond hängt als Ehrenzeichen an der Brust von Clot, wie beim vizeköniglichen Muselmann von Auszeichnung. Die Ansicht der neuen Propheten, daß die Pest nicht anstecke, erfreute sich übrigens zu meiner Zeit keiner Popularität bei den Europäern in Kairo. Diese verwarfen sie vielmehr fortwährend als überspannt. Sie werden mit höchster Wahrscheinlichkeit sich durch den neuen Pestfirman inskünftige am Beobachten der Quarantäne nicht im mindesten stören lassen. Huldigten doch öffentliche Anstalten, wie die Kadettenschule, dem Grundsatze der Sperrung, ungeachtet der Pascha einen Miasmatiker zum Bei adelte.

Die Cholera ist eine frisch gebrochene Geißel Egyptens. In den Monaten August, September und Oktober 1831 zwickte sie aus der lateinischen Gemeinde in Kairo 94 Personen hinweg. Manche Kairaner fürchten die Cholera mehr, als die Pest, weil die Sperre dagegen nichts oder gar wenig vermöge.

Führe ich fort, von andern Krankheiten der Egypzier, wie von den Pocken, den Augenentzündungen, den Ruhren, umständlicher zu reden, manche Abendländer würden einen allzu trüben Gesichtskreis finden, und das Land der Fleischtöpfe als ein Land unnennbarer Plagen ansehen. Ich möchte aber nicht zu Vorurtheilen Stoff darbieten, deren Angel man begierig verschlingt, ohne zu beherzigen, daß man an derselben gefangen und gequält werde. Die Natur vergißt nicht, darüber zu wachen, daß, wo die menschliche Vernunft ihre Aufgabe löset, das Gesetz des Gleichgewichtes erfüllt werde.

Die Stadt nach ihrer Bauart.

Die Häuser bestehen aus Mauern, und das Holz ward dazu ziemlich sparsam verwendet. Daher die Seltenheit der Feuersbrünste in Kairo. Das häufige Brandunglück des hölzernen Konstantinopel kennt das steinerne Kairo nicht. Als vor wenigen Jahren eine Feuersbrunst ausbrach, wurde sie bald gedämpft, ohne einen großen Rüstzeug von Spritzen, Feuerordnungen, Feuerpolizei, Feuerkompagnien u. dgl.

Von Mittag nach Mitternacht bildet die Stadt die längste Linie, und in dieser Richtung wird man den Weg von einem Thore zum andern vor anderthalb Stunden zu Fuße schwerlich zurücklegen. Lange, gerade Gassen gibt es nicht. Sie lenken meist bald um, und verlaufen oft in ein Gewölbe, in eine Art Passage oder Schwibbogen. Manche sind sehr schmal, und in der Judengasse können nicht zwei Personen neben einander gehen, ohne an einander zu streifen. Hier langen die Erker bereits zu der entgegengesetzten Seite der Gasse hinüber. Auch springen dieselben hie und da in andern Gassen, wenigstens über die Mitte in diese, hervor. Dann und wann sieht man eine Brücke über dem Haupte. Manche Gassen sind mit einer Art Dach versehen oder auch zeltartig zugedeckt, zumal die Bassar. Wegen der Enge der Gassen und der Höhe der Häuser herrscht in manchen der ersteren ein gewisses Halbdunkel, das mich nicht unangenehm stimmte. Die Gassen darf man nicht beurtheilen, ohne das Klima in Anschlag zu bringen. Große, offene, gerade Gassen würden in der heißen Jahreszeit den Aufenthalt fast unerträglich machen; wie sie aber wirklich angelegt sind, gewähren sie die möglichste Kühlung, und stehen in einem sehr verständigen Verhältnisse zum Himmelsstriche.

Hier, wo selten Regentage eintreten, und wo kein Wagenrad den Boden durchfurcht, wäre das Straßenpflaster überflüssig. Es ist ungleich angenehmer, auf der hart getretenen Erde dieser Stadt zu gehen, als auf den schönen Pflastersteinen zu Paris und Wien, und der Esel, in leisem Tritte, gleitet beinahe über die Gasse hinweg. Wenn es aber regnet, so werden die Klagen groß, und voraus dem Kameel ist das Gehen beschwerlich. Dann ereignen sich wohl auch Unglücksfälle. Es verdient bemerkt zu werden, daß in den neuntehalb Jahrhunderten seit Erbauung der Stadt die Gassen so wenig ausgetreten worden sind.