Unreinigkeiten eckeln nicht öfter an, als in italienischen Städten. Man glaubt im Anfange nicht, wie schnell ein Theil der Garstigkeiten von der heißen Sonne in Staub verwandelt wird.
Auf Aeser stieß ich nie im Umfange der Mauern, wohl aber zur Seltenheit in der Umgebung der Stadt. Auf dem Wege nach Abu-Sabel labte sich eben ein halb Dutzend herrenloser Hunde an einem todten Thiere.
Ueberall, wo der Mensch lebt, ist ihm beim Baue der Wohnungen die ferne Sonne am Himmel das erste Augenmerk. Bei der Bauart der Häuser von Kairo fasse man, wie bei den Gassen, das Bedürfniß wohl ins Auge. Sie müssen gegen die Hitze schützen, während sie in Europa gegen die Kälte schirmen sollen. Man findet daher die Zimmer in den nördlichern Gegenden gewöhnlich klein, d. h., nicht breit und nicht tief. In Kairo sind die Gemächer umgekehrt sehr geräumig, tief, kapellenartig. Ja es übertreffen viel Zimmer der Stadt an Raum europäische Kirchen. Manches staunte ich mit Wohlgefallen an, theils auch wegen der hohen Bögen und der maurischen Zierathen. Wie dem Fußgänger und Reiter auf der Gasse die hohen, einander nahe gegenüber stehenden Häuser lieblichen Schatten werfen, so beschatten sie einander selbst, und je schattenreicher ein Zimmer ist, desto mehr wird es geschätzt. Die Dächer sind flach oder nur ein Boden (Söller), und das Licht fällt nicht bloß durch Fenster, die über einander sich folgen, herein, sondern auch durch das Dach. Ueber die Oeffnung an diesem wirft sich gegen Mitternacht eine Nase auf, welche geschlossen werden kann. So strömt erfrischende Luft an der Spitze des Hauses bis unten auf den Boden von Erde oder Stein. Die Fensterscheiben selbst sind viereckig, und es wird an einigen Orten Europas keineswegs eine neue Mode eingeführt, wenn man dort auf runde Scheiben verzichtet, um viereckigen Platz zu machen. Viele Häuser sind einstöckig. Ein großes Thor führt durch den Eingang in einen Hof, wo die Küche frei steht; der Hof ist zugleich der Rauchfang. Manches große Thor wird selten geöffnet. Dafür steht in demselben eine kleine Thüre offen, durch die man geduckt und mit hochgehobenem Fuße schreiten muß. Ueber dem Eingange, wenn man will über dem Erdgeschoße, finden sich die Zimmer, welche bis zum Dache 15 bis 25 Fuß sich erheben. Es gibt wohl auch Zimmer, die von ebener Erde an 40 Fuß hoch anstreben. Zweistöckige Häuser gehören zwar immerhin nicht zur Seltenheit, aber drei- und vierstöckige. Der Europäer kann sich sehr leicht täuschen, wenn er die Häuser bloß von Außen besieht. Er stellt sich hohe Gebäude vor, in denen drei Familien über einander wohnen würden. Verschwenderisch birgt hier manchmal nur ein Stockwerk eine Familie. Dieses berücksichtigend, könnte man nicht begreifen, daß etwa 300,000 Menschen in Kairo wohnen oder einst gewohnt haben, sofern man nicht wüßte, daß viele Araber einer Wohnung entbehren. Wandelte ich Nachts nach Hause, so wurde es mir zuerst unangenehm zu Muthe, wenn ich hier auf dem Boden der Gasse, dort auf der Bettstelle an einem Hause einen vermummten Araber ruhen sah. In der offenen Herberge der Gasse brachte er die Nacht hin. Die Milde eines Himmelstriches bettet den Menschen mit wenig Mühe.
An oder in den Häusern verdienen zwei Dinge noch besondere Erwähnung; das Schloß und die Stiege. Die meisten Schlösser sind von Holz. Ein Joch, an der Thüre befestiget, nimmt den Riegel auf. An dem obern Theile der für den Riegel bestimmten Jochöffnung ragen, ohne strenge Ordnung der Entfernung von einander, mehrere drähtene Stifte hervor, die gehoben werden können, und ohne eine hebende Kraft von selber herunterfallen. In den Riegel, als den zweiten Theil des Schlosses, dringt auf einer Seite und an dem einen Ende eine kantige Rinne. Oben besitzt der Riegel den Stiften entsprechende Oeffnungen, und diese sind in solcher Ordnung angebracht, daß, wenn er vorgeschoben ist, die drähtenen Stifte vom Joche herunterspringen und eingreifen, wodurch der Riegel gesperrt wird. Der Schlüssel, als der dritte Theil des Schlosses und gleichfalls von Holz, ist ebenso einfach, als die vorigen Theile. An einem Ende, das in die Rinne des Riegels läuft, stehen gerade so viel drähtene Stifte unbeweglich herauf, als der Riegel Oeffnungen zählt. Drückt man die Stifte des Schlüssels in diese, so heben sie die Stifte des Joches, und der Riegel kann herausgezogen werden. — Mit der Konstrukzion der Stiegen konnte ich nicht ins Klare kommen. Sie sind von Stein, und von der Gestalt eines gezahnten Rades, wenn dieses keinen Zirkel beschriebe. Sie haben ihre Befestigung nur an einer Seite, an der Mauer des Hauses; im Uebrigen liegen sie ganz frei heraus.
Aus Furcht vor dem gräuelvollen Götzendienste verbietet der Islam die Abbildung von Menschen und Thieren. Es fehlt indessen noch viel, daß dem Verbote von allen Mohammetanern nachgelebt wird. Es wird schon von Selim I. erzählt, daß er dem Sohne Soliman II. sein Bildniß hinterließ, über dem man die Worte las: Sultan Selim Ottoman, ein König aller Könige, ein Herr aller Herren, ein Fürst aller Fürsten, ein Sohn und Kindskind Gottes. Von dem jetzigen Sultan Mahmud II. weiß man, daß er, zum Verdrusse der Gesetzlehrer, sein Porträt dem Pascha zuschickt. Bei Beschneidungsfestlichkeiten im Jahr 1582, zu Ehren des nachherigen Sultan Mehemet, wurde in einem Prachtzuge Zuckerwerk herumgetragen, das verschiedene Arten von Thieren vorstellte, z. B. Elephanten, Löwen, Tiger, Leoparden, Affen, Pferde, Kameele, Giraffen, Syrenen, Falken, Habichte, Sperber, Storchen, Kraniche, Enten, Pfauen, ein Ungethüm von riesenhafter Mannesgröße, nackt und sitzend wie ein Schneider. Kehren wir nach Kairo zurück.
Gemälde trifft man an den Häusern selten, und wenn noch, so lassen sie allenthalben die Schülerhaftigkeit durchblicken. Europäische Primarschüler von acht Jahren würden treuer und geschmackvoller malen. Die Malereien an den Mauern der Häuser stellen meistentheils Laub- oder Blumenwerk dar, das etwa aus schnörkelreichen Töpfen sich entfaltet. Die rothe Farbe herrscht vor. Auch trägt die Mauer einiger Häuser, rechts und links an der Thüre, einen gemalten angebundenen Löwen zur Schau. An einem Hause ist auf ein Thier ein kleines Gebäude gepackt; allein ich konnte nicht errathen, was für ein groteskes Ding es war, weil die Pfuscherei wirklich zu hoch sich überboten hat. An andern Häusern, und zwar an vielen, wechselt einfach die rothe und weiße Farbe, so daß, wenn eine Reihe Quader weiß, die erste darüber roth ist. Hie und da steht über den oben abgerundeten Thüren ein Stern. Mehr, als an Farben versucht sich der Kairaner an Formen, und diese sind es, die seine Geschicklichkeit verkündigen. Wo Holz verbaut ist, da liefert es beinahe durchgängig Beweise von kunstreichen Schnitzarbeiten. Noch triumphirender aber zeigen die Mauern das Gepräge der Kunst. Die Moscheen (Gâma’) empfehlen sich in der Regel durch ihre Pracht, und die hohen Thürme sind bis an die Spitze von lauter Quadern aufgeführt. Die meisten umkrämpen zwei frei herausragende Galerien mit Geländer, und auf dem Helme schießen Arme schief hinauf, um daran, zu Verherrlichung der Festtage, Laternen zu hängen. Auf den Galerien hingegen wird vom Thürmer (Muezeinn) singend der Gläubige zum Gebete ermahnt. Dadurch wird die fehlende Glocke entbehrlich. Ueberall erregten die sarazenischen oder maurischen Werke meine Bewunderung. Obschon ich in meiner Kunsteinfalt einem einfachern Styl mehr Geschmack abzugewinnen vermag, so ergötzte ich mich gleichwohl manchmal an dem Laub- und Blumenwerk, an den bizarren geometrischen Figuren oder Arabesken. Eine Bildsäule würde man vergebens suchen. Es geschieht nicht selten, daß man beim Ausjäten des Unkrautes auch das nützliche Gewächs herausreißt. So hat der Islam, bei Zerstörung der Götzendienerei, die bildende Kunst überhaupt mit Füßen getreten.
Aufschriften in arabischer Sprache liest man ungemein selten. Paris sieht gegen Kairo wie ein aufgeschlagenes geschriebenes Buch aus. Die Tochter Mokatams ist Album. Die europäischen Städte sind Erklärungswörterbücher (Reallexika), belehrend für Kinder und Fremde, ein Cornu Copiae von Pleonasmen für die Unterrichteten. In Italien lernte ich manche Handwerksnamen über den Buden, und Niemand hätte es mir verarget[10].
Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei.
Wollen die Europäer wohin gehen, laufen, reiten, fahren, so werden die gebieterischen Witterungs-Wenn angeknüpft. Morgen, wenn es gut Wetter ist, heißt es. Wenn das Frauenzimmer schon seinen Flitter bereit hielt, wenn Pferde und Wagen bestellt waren, wenn die Liebe und Freude den Schlaf verscheuchten, und wenn dann in der Frühe Wasser oder Schnee vom Himmel fällt; — ach, welch saures Gesicht wird geschnitten, welche Seufzer werden ausgestoßen, wie werden mit beklommenem Herzen die Hände zusammen und über einander gerungen, weil — es regnet oder schneit, und weil der Regen oder Schnee den Gang, den Lauf, den Ritt, die Fahrt hindern. Man darf in Kairo während der sichern Jahreszeit gut Wetter auf morgen so zuversichtlich erwarten, als das Tageslicht selbst. Die europäischen Witterungs-Wenn sind hier daher außer Tagesordnung und werden, Wunder genug, nicht einmal gewünscht, um sich damit zu europäisiren.
Ich lud einen Freund zu einem Spazierritte ein. Ich zählte auf diesen mit einer Sicherheit, welche nicht vom fernsten Zweifel beengt war. Doch haben, daß ich es zu melden nicht vergesse, die Kairaner manchmal ein anderes Wenn und zwar ein noch schlimmeres; ich meine das Pest-Wenn. Du ladest Abends einen muntern Freund auf morgen zu einem Spazierritte ein; ehe der Tag graut, ereilt ihn die Pest mit ihrem tödtlichen Gifte.