Es war Sonntag. Am frühen Morgen trugen uns die Esel im Geschwindschritte durch die Gassen und Bassar. Die Läden waren noch nicht überall offen. Die sarazenischen Schnörkeleien an den Häusern, Thürmen und Tempeln, die arbeitenden Mohammetaner eigneten sich gleich sehr, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Nun etwas bergan. Der Esel schritt immer noch schnell, und der Eseltreiber rannte keuchend nach. Schon erblickte ich das Schloß in der Nähe. Ich verging in Staunen. Wir bogen rechts ein, um auf der günstigsten Stelle die Stadt und ihre Umgebung zu überschauen. Man kommt an stehenden und gestürzten mächtigen Granitsäulen vorbei, welche, wahrscheinlich Trümmer von Memphis, über dem Grabe der Altzeit prangen.
Das ist nun Kairo unter meinen Füßen, seit Jahrhunderten ein Gegenstand der Bewunderung, früher weniger gekannt und von den Europäern nicht selten mit Fabeln angefüllt, von den französischen Heerschaaren bezwungen, von ihren Gelehrten gemessen, beschrieben, gezeichnet bis auf die kleinsten Einzelnheiten; das ist nun Kairo vor meinen Augen, die größte bekannte Stadt in Afrika, die zweitgrößte des osmanischen Reichs, eine der größten der Welt, mit den vierhundert Tempeln, mit den graulichen plattdächigen, kaminlosen Häusern in dem weiten Umkreise, mit den 200,000 Einwohnern[11]. Kaum kann das Auge ausruhen. Südwestlich liegt Altkairo, weiter weg der die Inseln umspülende Nil, dann die hoch aufragenden Pyramiden von Gizeh (Gîsa) und Sakâra, der wüste lybische Hügelstrich, und gegen Morgen der letzte Absenker des arabischen Gebirges. Vor allen Gebäuden zeichnet sich durch Größe der Hassantempel und gegen Sonnenaufgang die vielen Grabmale aus. Wo ist aber Babylon, wo Memphis? Du bist stumm, Maser el-A’tykah, und du, Gelände jenseits des Nilstroms.
Das Schloß stützt sich auf einen Abfall des Berges Mokatam, im Süden der Stadt. Es ist von festem Mauerwerk und sehr groß, so daß es für sich schon eine ordentliche Stadt bildet[12]. Das Stockhaus liegt im Umfange der Burg. Wegen der Schönheit wäre das Harem nicht nennenswerth. In der Nähe desselben standen Entmannte. Ein ungewöhnlich großer Mohr verrieth durch Haltung und Geberde, durch Stimme und Gesichtszug so völlig das bis zum kindischen unmännliche Wesen, daß der Kontrast sich tief in meine Seele prägte. Dem Auge des Kastraten fehlt der Glanz der Kraft und Liebe. Die ersten Frauenhüter sah ich eben in einem Schloßhofe um ein Pferd stehen, das, mit zusammengebundenen Füßen, auf dem Boden ausgestreckt war. Man schnitt demselben den Schweif ab, brannte dessen Stumpf mit einem Glüheisen, und brühte ihn dann in einer mir nicht bekannten Flüssigkeit. Die Kastraten schienen mit Wohlgefallen der blutigen Operazion zuzusehen. Man kann sich doch nicht bergen, daß man in Kairo leichter und schneller die Rosse englisirt, als die Araber zivilisirt.
Vom Militär, durch welches das Residenzschloß bewacht wird, stellt der Abendländer sicher nichts Geringeres sich vor, als von der orientalischen Pracht geblendet zu werden. Nichts weniger als Luxus. Dafür findet man zerrissene Kleider in Menge.
Wir traten in viele Hallen und Zimmer des Schlosses. Die Kanzlei hatte ganz den orientalischen Zuschnitt; ringsum der Diwan, d. h. eine niedrige, breite Polsterbank, ohne einen Tisch, bloß ein unbemaltes Pult steht einsam in einem Winkel. Die Kanzlei war heute leer, weil die Kanzlisten, koptische Christen, eben den Sonntag begingen. Es klingt in Wahrheit sonderbar, daß in Egypten die Staatskanzlei eines mohammetanischen Fürsten den christlichen Sonntag feiert. An den Werktagen wird der Diwan um und um von den Schreibern besetzt, um nicht zu sagen, belagert.
Was auf dem Schlosse meinen Geist am meisten und mein Gemüth am angenehmsten beschäftigte, war der sogenannte Jussufsbrunnen. Ein mohammetanisches Weib führte mit brennender Kerze mich hinunter. Es war unverschleiert; doch bisweilen schnappte es in das Kopftuch, um das häßliche, schwarzbraune Gesicht zu verhüllen. Zwei Kinder leuchteten mir nach. Der Brunnen, über 280 Fuß tief in den Kalkfelsen gearbeitet, ist viereckig. Man steigt auf einer Felsentreppe hinunter. Die Stufen lassen sich jedoch an vielen Orten wegen der darauf liegenden Erde nicht erkennen. Die innere Wand der Treppe durchdringen an vielen Orten Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes. Wenn man zu einer gewissen Tiefe hinabgelangt, endet die Treppe, und mittelst eines Rades wird das Wasser in Krügen, welche an einem Seile befestiget sind und mit diesem umherlaufen, aus der Tiefe geschöpft und hier ausgeleert. Ein zweites Rad findet sich oben, welches mittelst der Krüge das Wasser von der nächsten Stazion heraufholt, um es dort ans Tageslicht zu bringen. Von dem Orte, wo das untere Wasserrad angebracht ist, senkt sich der Brunnen bis zum Wasserspiegel, welcher mit dem Nil die Höhe theilt, so tief, daß einige Sekunden verstreichen, bis man den Fall des hinabgeworfenen Steins vernimmt. Neben dem untern Rade greift eine Kerbe in den Fels, wo ein weiß marmorner Turban, das Grabmal des Jusef Salâh el-Dyn (des berühmten Saladin), ruht. Man fühlt in der Tiefe eine angenehme Temperatur, und es fällt eben so leicht, als es die Mühe lohnt, Zeuge eines so merkwürdigen Denkmals zu sein. Mich erinnerte dieser Erdenthurm und die Treppe an den Markusthurm und dessen Treppe in Venedig.
Vom Schlosse weg wendeten wir uns, indem wir die auf einen Schutthügel gebauten Batterien zur Linken ließen, gegen den nach Suez führenden Wüstenweg, um die Moscheen und Grabmale der Großen (Turâb Kâyd-Bei) zu durchstreifen. Jener Hügel verdeckte unsern Blicken die Stadt, und das Schloß sperrte die Aussicht nach Süden. Die Grabmale, in einem Thale auf sandigem Grunde, stellen meist Thürme oder Moscheen dar. Von diesen umringt, glaubt man sich mitten in einer Stadt; man ist in einer Leichenstadt. In der Bauart der Grabmale bespiegelt sich offenbar der schmuckselige Sarazene, welcher Fleiß mit Geschmack verband. Große Schätze sind an den unbewohnten ansehnlichen Gebäuden aufgegangen; aber leider zerfallen diese, und lassen den Genossen unserer Tage eine Reihe von Jahrhunderten aus der Urne der Zeit verwünschen, damit er dieselben in dem Zustande der Unversehrtheit bewundere. Beim Anblicke zerstörter oder der Zerstörung entgegeneilender, ausgezeichneter Kunstwerke möchte man beinahe vorziehen, daß sie nie entstanden wären, nur um des bittern Schmerzes über ihren Zerfall überhoben zu werden.
Das Militärkrankenhaus.
In der Esbekieh nimmt ein Krankenhaus den Kriegsmann auf. Für das Zivil würde man eines nach europäischer Einrichtung vergebens suchen, — doch mit Ausschluß der Franken, welche in ihren kranken Tagen allerdings öffentliche Pflege erhalten, indem sie in dem Militärkrankenhause untergebracht werden. Ausnahmsweise hat das arabische Zivil ins Spital ein junges Mädchen geliefert, bei welchem die Steinoperation vorgenommen werden mußte.
Das Gebäude ist massiv von Stein erbaut, und begreift zwei Höfe in sich. Es enthält große Säle; so einen mit 24, einen andern mit 60 Kranken. Die Krankenzimmer sind auch licht; aber in einigen kam dem Eintretenden ein unangenehmer Geruch entgegen, das zuverlässigste Zeichen, daß sie nicht reinlich genug gehalten werden.