Man traut den eigenen Augen kaum, wenn man zu einem Araber geführt wird, welcher mit Arsenik das Gesicht sich raubte, um des Militärdienstes unfähig zu werden. Fälle, daß die Araber in dieser Absicht sich mit Blindheit schlagen, ereignen sich nicht selten. Aus dem gleichen Grunde werden auch Finger verstümmelt, Zähne ausgebrochen u. s. f. Eine Mutter stach ihrem Sohne ein Auge heraus, um ihn nicht verlieren zu müssen.
Die Apotheke des Spitals sieht sehr unscheinbar aus. Es ist merkwürdig, wie hier Leute zu Apothekern geschnellbleicht werden. Ein polnischer Offizier berechnete, daß er als Apotheker besser stehen würde. Er meldete sich an, ist gegenwärtig als Apotheker angestellt, und bildet sich auf seine Kunst sehr viel ein. Unwissenheit und Eigendünkel gehen Hand in Hand. Ein weiland österreichischer Aide-Major hielt sich einst eine Zeitlang in einer Droguerie auf. Er bewarb sich um eine Apothekerstelle, bekam Anstellung, und eben während meines Aufenthaltes in Kairo durchsprang er einen Theil der kurzen Lehrzeit (von beiläufig einem Monate). Dieser Leichtsinn, womit die Stellen im Gesundheitsdienste verliehen werden, erscheint indeß in einem mildern Lichte, wenn man den großen Mangel geeigneter Subjekte ins Gedächtniß zurückruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Regierung der Aufnahme solcher Glücksritter in den Staatsdienst einen Riegel vorschöbe, wenn ihr eine Auswahl zu Gebote stände. Man macht in Egypten, wie anderwärts, aus der Noth eine Tugend.
Die Narrenmenagerie.
Es gibt Leute, die sich an den Namen mehr ärgern, als an den Dingen. Bei solchen besorge ich wohl, daß sie an dieser Ueberschrift Anstoß nehmen. Vorläufig möchte ich sie aber damit beruhigen, daß der Ausdruck, so hart er klingen mag, doch nicht härter ist, als die Sache, die er bezeichnet.
Um dem Eseltreiber verständlich zu machen, wohin ich wolle, ließ ich ihm sagen, daß er mich dahin führe, wo die Narren und die Närrinnen seien.
Ich kam in einen Palast, das berühmte Spital Muristan, welches mit der schönen Moschee gleichen Namens zusammenhängt. Ein geduckter, etwas kleiner Mann mit einem grauen Barte, stand in einem Vorzimmer; er fiel mir zuerst nicht auf. Es war der Menagerieinspektor. Mein Führer eröffnete ihm meine Absicht, — denn ich konnte durchaus nicht arabisch, — und ohne Anstand ward mir der Eintritt bewilliget. Noch aber ließ ich Brote holen, um sie unter die Kranken zu vertheilen. Die Zufriedenheit mit Wenigem ist in der Regel ein Zeichen echter Selbstbeherrschung; die Zufriedenheit mit einem geringen Geschenke zeugt gemeinhin von wahrer Dürftigkeit. Auf diese zählend, hoffte ich mit meinen Kleinigkeiten Liebes zu thun.
Nun wurde die Thüre aufgeschlossen. Ich war nur Auge, nur Ohr. Ein viereckiger Hof, in dessen Mitte ein steinernes Becken, selbst mit dem unlautern Wasser, fürs Auge gute Wirkung macht, zieht voraus den Blick an sich. Der erste Eindruck verspricht Gutes; allein er trügt nur zu gewiß: denn den gefälligen Hof umgeben lauter Käfiche, an Stattlichkeit und Solidität gleich denjenigen für die Thiere, welche zur Schau gestellt werden. Um den Schein einer Menagerie zu vollenden, erheben sich die Krankenzellen bühnenartig. Das Licht und die Speisen gelangen durch ein eisernes Gitter, welches nicht Manneshöhe erreicht. Die Zelle ist schmal, doch hoch. Ich konnte die Zellen und die Kranken nicht zählen; denn der Menagerieinspektor sputete sich zu sehr, weil er vielleicht meinte, daß die Kranken beim Anblicke eines Giaur (Ungläubigen) gewaltig beunruhiget würden. Ich glaube, daß den Hof sechszehn Zellen umfassen. Sie sind sämmtlich von festem Mauerwerk. In den meisten Zellen fand ich einzig einen Kranken, in einer andern aber selbst drei, wovon einer angekettet war. Der letzte nämlich trug ein Halseisen mit einer langen Kette. Diese lief durch das Gitter, und ward so weit unten festgemacht, daß der Kranke mit den Händen die Endglieder derselben nicht ergreifen konnte. Hände und Füße blieben dabei ungefesselt. In Europa würde man bei solcher Anfesselung das Selbsterdrosseln befürchten. Zur Bettung dient dem Kranken im besten Falle etwas Stroh, sonst der harte Boden. Dieß ist nicht das Herbste des Schicksals. Wie der Hunger die Küche bald gut bestellt, so bereitet der Mangel an Schlaf dem schwankenden und trunkenen Haupte ohne Schwierigkeit einen Polster, und am Ende macht sich die Macht der Gewohnheit geltend. Vielleicht werde ich letztern Satz gelegentlich einmal wiederholen, weil dessen Wahrheit beinahe nie genug ausgesprochen und beherziget werden kann. Einige Kranke waren ordentlich gekleidet, andere aber wenig oder fast gar nicht.
Wie ich vor die ersten Käfiche trat, wollte ich das Brot selbst austheilen; allein der Menagerieinspektor wand mir es mit einer Meisterfertigkeit aus der Hand, und mir war klar, was ich thun oder lassen sollte. Meine fränkische Person schien den Unglücklichen wenig Aergerniß zu geben; sie haschten, wie kleine Kinder, nach dem Geschenke, welches ihre Aufmerksamkeit für den Augenblick verschlingen mochte. Nur ein Andächtiger, der betend auf den Knieen lag, und den Boden anglotzte, nahm von Allem, was vorging, keine Notiz. Dagegen betrug sich sein Nachbar um so rühriger, und er erhob ein betäubendes Geschrei. Der Aufseher warf einen Lappen Brot ihm zu. Das war der Friedensbote, welcher alsobald den Sturm besänftigte, nachdem eine Art Mensch, vielleicht ein Menagerieknecht, vergeblich den Stock über ihn geschwungen hatte. Schlagen sah ich nicht.
Uebrigens hält man mit dem Schlagen oder Peitschen in Egypten keine genaue Rechnung. Jeder Herr peitscht oder prügelt seinen Diener. Das Schlagen des kranken Irren wird in Egypten unzweifelhaft nicht die gleiche Wirkung hervorbringen, welche man sich in Europa versprechen würde, und wenn in diesem Welttheile mit dem verwerflichen, barbarischen Mittel zur Seltenheit Heilungen erzielt wurden, so würde es von dem ans Schlagen beinahe mehr als ans Brotessen gewöhnten Araber mit Gleichgültigkeit, wenigstens mit abprallender Härte ertragen werden.
In der Flüchtigkeit ward ich ruhige Gesichter und gut genährte Leute in den Käfichen gewahr. Es beschwichtiget gewissermaßen zuletzt der gegründete Glaube, daß die Eingekerkerten doch nicht mit Hunger gequält werden.