Als ich schon zur Thüre hinaus war, hörte ich noch den Lärm der Irren, selbst vor dem Geklirre der Ketten. Von der Besorgung der Närrinnen weiß ich weder etwas Rühmliches, noch etwas Tadelnswerthes. Den Männern ist der Eintritt in die Weiberzellen untersagt, wohl aber Knaben bis zum Alter von ungefähr neun Jahren erlaubt.

Bei einem zweiten Besuche vergönnte man mir mehr Zeit. Ich konnte achtzehn Käfiche zählen. Dießmal überzeugte ich mich von der zurückstoßenden Unreinlichkeit. Daß in diesen Krankenställen keinerlei Versuche zur Heilung vorgenommen werden, versteht sich von selbst.

Das kultivirte Europa schaudert wie vor der Einrichtung der Observazionsanstalt in Alexandrien, so vor einer solchen Behandlung unglücklicher Irren. Wie lange her ist es aber, daß dort das Licht der Humanität glänzt? Noch vor einem Jahrhunderte wurden die unschuldigsten Gemüthskranken, gleichwie die schuldigsten Verbrecher, fast durchgehends in Ketten geworfen. Vielleicht werden die bemitleidenswerthen Gemüthskranken an das eiserne Kriegsherz des Pascha klopfen, daß es erweicht wird, und falls er dem gräßlichen Uebelstande wehrt, so flicht er sich schönere Lorbeeren um sein Haupt, als wenn er noch einmal Militärkrankenhäuser, Arzneischulen und andere Anstalten, Pulvermühlen und andere Fabriken ins Dasein riefe, und er bleibt unsterblicher unter den Sterblichen, als wenn auf sein Machtwort der Anbau einer zweiten Baumwolle und eines zweiten Oelbaumes u. dgl. gediehe. Insbesondere die edeln Züge des Zartgefühles für das Wohl und Weh aller Menschen, ohne Ansehung des Standes und des Vermögens, erwartet das aufmerksame Europa von dem schöpferischen und durchgreifenden Vizekönige des Egyptenlandes.

Die Stadt der Einäugigen und der Blinden.

Man nennt wohl keine Stadt in der Welt, worin so viel Einäugige und Blinde wohnen wie in Kairo. In keiner Stadt, würde der Spötter sagen, wird öfter ein Auge zugedrückt, und ist die Liebe blinder. Man ziehe bloß die Gasse hin und her, und bald wird die Aufmerksamkeit von einem Manne gereizt, der mit einem Stocke den Weg befühlt, oder seine Rechte auf den Kopf oder die Schulter einer Person legt, die als Wegweiser vorangeht. Selbst die Blinden wandeln nicht mit Andern wie in Europa, wo sie am Arme geführt werden. Man weiß beinahe nicht, ob man über das Glück Unglücklicher lachen darf, wenn man wahrnimmt, wie etwa drei Blinde einander leiten und leiten können.

Einst schilderte man das Gedränge in der Stadt als so groß, daß man jeden Augenblick Gefahr laufe, Jemand umzubringen oder umgebracht zu werden. Diese Schilderung kann für die jetzige Zeit nicht gelten. Ich sah in einer sehr besuchten und belebten Gasse, gleich vor der Hauptwache über der Brücke, einen blinden Greis allein, freilich in kurzen und furchtsamen Schritten, sich vorwärts bewegen, ohne daß er umgebracht oder auch nur unsanfter berührt wurde. Es ist hinwieder eine natürliche Sache, daß die Sehenden noch gefahrloser ihres Weges gehen, als die Blinden.

Das öffentliche Bad.

Die Südländer haben eine fischartige Natur. Bäder sind ihnen Bedürfnisse.

Ich trete in ein großes, von oben beleuchtetes Zimmer. In der Mitte ein Wasserbecken. Darum ein mit Marmor ausgelegter Boden. An den Wänden eine Bühne; darauf Bettpolster in Menge. Neben der Pforte eine Art Kanzel. Von der Bühne streben jonische Säulen empor. Am Eingange in das Dampfgewölbe eine kleine Kaffeeküche, aussehend wie ein Doppelkästchen mit einem Raume dazwischen[13]. Ich bin im Entkleidezimmer; auf den Polstern der Bühne die Badegäste; auf der Kanzel der Geldeinnehmer.

Der Badende steigt auf die Bühne. Er entkleidet sich. An der flinken Hand des Badeknappen fliegt im Nu ein weißes Tuch ihm um die Lenden. Ein Tuch von bunter Farbe schlägt der Badeknecht ihm über die Brust, und ein anderes über den Rücken, das erste hinten und das letztere vorne bindend. Den Kopf umwickelt er, auf daß ihn ein Turban schütze und ziere. Das die vollkommene Bademontur, es fehlen einzig noch die Kapuzinerschuhe, in die man schlüpft, sobald man von der Bühne herunter gestiegen ist.