Man zeigte mir in Kairo öfter Saint-Simonisten. Sie zeichneten sich vor den übrigen Franken durch einen langen Bart aus. Sie führten ein ziemlich gesondertes Leben. Auch eine St. Simonistin sah ich, und billig machte ich meine Glossen. Enfantin scheint entweder wenig gekannt, oder beinahe vergessen zu sein. Wenn ich auch nach ihm mich erkundigte, so wollte man doch in der Regel nichts von ihm wissen. Nach den Einen lebe er, von dem Geräusche der Städte entfernt, in der Einsamkeit; nach einem Andern habe er das Zeitliche gesegnet[20].

Egypten gibt allen Glaubensbekennern Zuflucht, ohne daß es jedoch mit der eigentlichen Toleranz, Humanität und Liebe den Andersgläubigen begegnet. So werden von den Abendländern die Juden geduldet.

In der neuern Zeit zogen die St. Simonisten deßwegen das Gerede auf sich, weil einer um den andern zum Mohammetanismus hinübertrat, ob aus Ueberzeugung oder aus Habgierde, oder aus Rache gegen die Christen, weiß derjenige, welcher die Nieren der Menschen prüft. Es gibt indessen hin und wieder auch andere Franken, welche ihren Glauben verläugnen. Ich habe, um mich selbst anzuklagen, mit meiner Toleranz es noch nicht so weit gebracht, daß nicht unangenehme Gefühle sich meiner bemächtigten, wenn ich einen Renegaten erblickte. Im Falle wirklich reine Ueberzeugung als Triebfeder zur Renegazion wirkte, so lasse ich mir diese gefallen. Wie schwer hält es aber, daran zu glauben, wenn man lediglich erwägt, daß die Renegaten die Religion der Zivilisirten unsers Erdballs verlassen, um sich zu derjenigen der Halbbarbaren zu bekennen.

Ich kannte einen Renegaten, welcher in Verachtungswürdigkeit seinesgleichen sucht. Durch die Abschwörung seines Glaubens hoffte er steif und fest auf Beförderung. Er sprach von nichts lieber, als von einem zu erhaltenden Orden, z. B. wie er die beste Wirkung für das Auge thun werde. Er wählte sich ein Weib. Die Hochzeit verschlang seine Barschaft. Er wünschte ein hübsches Mädchen. Er bekam, im Sinne der Egypzier, eine Vettel. Er verstieß sie. Wenn die Sperlingseele würdig wäre, dem großen Cäsar verglichen zu werden, so träfen ihn die Worte, deren Curio für diesen Römer sich bediente, daß er der Mann aller Weiber und das Weib aller Männer sei (omnium mulierum virum et omnium virorum mulierem). Mehr darf man nicht sagen, um den niedrigen sittlichen Standpunkt anzugeben. Und das ist ein Renegat, ein gewesener Christ und ein nunmehriger Mohammetaner. Soll die Religion dienen, zu irdischem Wohlleben und Glanze emporzuhelfen, so würdiget man sie mit ruchlosem Herzen zur Magd roher Sinnlichkeit herab.

Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus Europa.

Zu den pikanteren Dingen, nach meinem Geschmacke, rechne ich den Lebenslauf der nach Kairo zerstobenen Europäer. Weil diese Stadt so weit von Europa abliegt, so müssen Neigungen und Verumständungen seltener Art die große Reise veranlassen.

Die Europäer in Kairo verdienen im Ganzen den Ruf der Lockerheit. Gut essen und trinken, reiten und müßig gehen u. dgl. treten als Hauptzüge in ihrem Leben hervor. Das Schuldenmachen ist das Allerunschuldigste, und das Nichtbezahlen der Schulden etwas Gewöhnliches. Daß auch Personen höhern Ranges in Schulden stecken, ist freilich nichts Bezeichnendes für die egyptischen Franken, und, dem guten Tone der Europäer zu lieb, möchte ich es ja nicht tadeln. Ich kannte einen General, welcher einem armen Schlucker an 100 Piaster schuldete. Dieser begab sich oft zu ihm, die Anforderung zu erledigen. Es hieß immer morgen. Und warum: Morgen? Weil der Sold schon ein Jahr lang beim Pascha ausstehe. Uebrigens bewegt sich dieser General auf einem sehr glänzenden Fuße; viel Gesinde, Pferd und Kameel, Strauß und Fasan und dgl. reden von seiner Herrlichkeit. Solchen Aufwand zieht er dem Abtragen der Schulden und der Erleichterung eines geldbedürftigen Mannes vor. Ein Angestellter, welcher bei einem monatlichen Einkommen von 500 Piaster (an 200 Gulden R. W.) demselben ehrlichen Schlucker schuldig war, überschwemmte sich lieber die Nacht hindurch in der rauschenden Gesellschaft des theuren Bacchus, lieber bezahlte er Andern die Zeche, lieber hielt er einen eigenen Esel, lieber bereitete er sich andere Lustbarkeiten und Bequemlichkeiten, als daß er seinen Gläubiger zufrieden stellte. Ich hüte mich wohl, den großen Ton lächerlich zu machen, aus Besorgniß, daß man mich des kleinen Tones zeihe.

Wer frisch in Kairo ankommt, und gerne Geld aushängt, der rechne zuversichtlich auf Freundschaft, aber, mit Erlaubniß zu sagen, auf eine Zungen-, keine Herzensfreundschaft. Der schwärzeste Undank folgt meistens der Gabe oder dem beßtgemeinten Darlehen.

Manche Europäer langen in Kairo an, ohne daß sie etwas mitschleppen, als das Kleid am Leibe; denn auf alsbaldige Anstellung und damit auf Eröffnung der Goldgruben zählen sie so sicher, als der gläubige Christ auf das Erbe des Himmels. Wenn sie dann nicht geradezu betteln oder, nach ihrer vornehmen Redensweise, Geld entlehnen, so schenkt ihnen noch ein Gastwirth Kredit. Wunderbar sind die Künste der Berechnung. Bei aller Armuth aber sind sie, in ihrer verbindlichen Stellung gegen den Wirth, genöthigt, wohl zu leben, z. B. Wein zu trinken. So natürlich; je mehr der Wirth aufschreibt, desto mehr gewinnt er; denn an irgend einer Anstellung zweifelt Niemand. Aus einem Militär erstümpert man exempelsweise einen Zeichenlehrer für die medizinische Schule. Der Wirth spielt mit den neuangekommenen und geldentblößten Abendländern Lotterie, welche ihm jedenfalls Vortheil bringt, muß er auch hin und wieder eine Niete ausbezahlen.

Daß Stümper, Weltlinge, am meisten noch Glücksritter, manche Verschuldete, selbst auch Verbrecher eine große Zahl der Franken in Kairo bilden, leidet wohl keinen Zweifel. In dem Kaffeehause, wo Spanier, Franzosen, Engländer, Deutsche, Polen, Italiener und Griechen bunt durch einander gemengt waren, konnte ich mich oft der wunderlichsten Gedanken nicht erwehren: links saß vielleicht ein Betrüger, rechts ein Dieb, vor mir ein Todtschläger. Ich will nun eine biographische Skizze der Mittheilung nicht vorenthalten, ohne daß ich jede Einzelnheit verbürgen möchte.