Undank für treue Liebe.
Ein junger Mann gewann ein Mädchen lieb. Er war Katholik und sie Protestantin. In seiner heimatlichen Gegend warf die Eingehung einer gemischten Ehe ungemein viel Staub auf. Um die Schwierigkeiten auf dem richtigsten Wege zu beseitigen, unternahm er eine Reise nach Rom. Hier erlangte er von der Kurie die Erlaubniß zu einer paritätischen Ehe. Auf der Heimreise hielt er sich eine Zeit lang in Triest auf, wo er, als Mechaniker, das Auskommen zu seiner gänzlichen Zufriedenheit fand. Er schrieb seiner Geliebten, daß ihm die Heirathsbewilligung ertheilt worden sei, und daß auch sie die weitern Schritte thun solle, wodann er ohne Verzug zurücktreffen werde. Die Eltern indeß, schon lange dem katholischen Freier ungünstig, wußten während der Abwesenheit des Liebhabers überwiegenden Einfluß bei der Tochter geltend zu machen. Kurz, sie knüpfte eine andere Bekanntschaft an.
Wem auch schon ruhige Augenblicke vergönnt waren, das Seelenleben nach seinen Ursachen und Wirkungen zu durchschauen, findet in der Liebe eine mächtige Triebfeder zu vielen eigenthümlichen und außerordentlichen Unternehmungen. Tief ergriff die Nachricht von der Untreue des Mädchens den Geliebten, welcher ein so großes Opfer, wie die Reise nach dem entfernten Sitze des römisch-katholischen Oberhauptes, nicht scheute. Es verdüsterte sich sein Gemüth in dem Grade, daß er Europens überdrüssig wurde. Er reisete nach Jerusalem, und von dort nach Kairo. In der Hauptstadt Egyptens suchte und erhielt er als musikalischer Instrumentenmacher eine Anstellung bei der Regierung, obschon er von der Musik so viel als nichts verstand, mithin auch die Instrumente nicht stimmen konnte. Musikanten von seiner Bekanntschaft halfen ihm aus der Klemme. Mittlerweile vervollkommnete er sich in der Kunst, bis er durch Ohrenbläsereien und durch geheime Untergrabungen von seiner Stelle verdrängt wurde. Später eröffnete er eine Bude, worin er arabische Bibeln[21], andere Bücher und auch andere Dinge feil bot. Hart prüften langwierige Ruhr und andere Mißgeschicke sein Leben.
Unter österreichischer Protekzion.
In Ermangelung eines schweizerischen Konsulates mußte ich mich in ein fremdes fügen. Ich hatte Ursache, das österreichische zu wählen. Als ich in Wien die Arzneiwissenschaft studirte, wurde mir von Seite der Hochschule zu viel Gutes zu Theil, um Oesterreich undankbar vergessen zu können; als ich im Jahr 1834, zum Theile in schriftstellerischer Absicht, eine Reise nach Wien unternahm, ward mir so viel Unterstützung gewährt, wie ich sie kaum erwarten durfte. Zudem war es Anfangs schon nicht ganz unwahrscheinlich, daß ich über Oesterreich zurückreisen werde, in welchem Falle, dachte ich, am zweckmäßigsten der Reisepaß mit den Visa der österreichischen Konsuln versehen wäre.
In Kairo bedarf man, strenge genommen, keiner Aufenthaltsbewilligung. Die egyptische Polizei bekümmert sich in der Regel um die Franken wenig oder gar nicht. Einen Tag nach meiner Ankunft stellte ich mich bei dem österreichischen Konsul, Herrn Champion, und drückte ihm meinen Wunsch für österreichischen Schutz aus. Er nahm auf eine verbindliche Art den Paß in Verwahrung, und damit war Alles in Ordnung. Der Aufnahme von Seite des Herrn Champion sowohl als des österreichischen Generalkonsuls in Alexandrien, eines eifrigen Freundes der schönen Künste und des Besitzers einer ansehnlichen Gemäldesammlung, zolle ich meine wärmste Anerkennung. Ich fand an beiden Männern ebenso gut unterrichtete als gefällige Rathgeber. Vielleicht würde man es missen, wenn ich mit Stillschweigen überginge, daß mein Paß auch an der letzten Stelle „gratis“ visirt wurde, weil es nicht überall der Fall ist.
Ehemals herrschte die nicht selten lästige Sitte, daß die Reisenden von den Konsuln zu Mahlzeiten eingeladen wurden. Es scheint sich dieselbe zu verlieren.
Meine Wohnung.
Am Tage meiner Ankunft suchte mich ein Schweizer auf, weil er vernahm, daß ein Landsmann angelangt sei. Die Ferne nähert die Gemüther. Wiewohl ich mich außerordentlich freute, einem Schweizer in so großer Entfernung die Hand zu schütteln, so wollte ich dennoch mit einiger Vorsicht mich einlassen. Denn die Schilderung der in Kairo sich aufhaltenden Franken, die mir zu Gesichte kam, machte mich bei Anknüpfung freundschaftlicher Bande eher furchtsam. Ich erfuhr aus guter Quelle, daß der Schweizer ein wackerer Mann sei, und da ich dieß bei jeder Gelegenheit selbst bestätigen konnte, so nahm ich keinen Anstand mehr, mit ihm in freundschaftliche Verhältnisse zu treten. Er ist aus dem schweizerischen Kanton Thurgau gebürtig, und sein Name Karl Baumgartner: gewiß einer der edelsinnigsten Franken, die in Kairo leben, ein Mann, dessen Andenken mir immer theuer bleibt[22].
Baumgartner hatte ein halbes Haus in Miethe, und bei ihm lebte ich in Aftermiethe. Daß ich auch hier auf zerbrochene Scheiben stieß, dessen verwundere man sich nicht. In keiner größern Stadt sah ich so wenig auf die Glasscheiben verwendet, als in Kairo. Blind vor Staub ist die Menge, man läßt sich die Mühe zum Waschen reuen, und zerbrochene Scheiben oder Scheibenlücken verunzieren selbst manches bessere Haus. Die zerbrochenen Scheiben mochte ich aber auch hier nicht leiden. Wir ließen den Glaser rufen.