Das Turâb (Todtenstadt) el-Seydeh Omm Kâsim liegt südlich unter der schroffen Wand des Mokatam, gleich am Fuße des Schlosses. An Umfang gibt dasselbe einer kleinen Stadt nicht nach. Selbst das Bauwerk stellt sich ansehnlich heraus, und mit dessen Kosten hätten mehrere hundert egyptische Dörfer gebaut werden können. Auf diesem Leichenfelde verirrt man sich staunend mit dem Auge in den Wald von kleinen Moscheen und Minarets. Manches Prachtwerk aber zerfällt in einen Wirrwarr öder Steine. Immerhin bleibt es eine Seltsamkeit, daß die Mohammetaner den Todten mehr Ehre erweisen, als den Lebendigen.
Wie sich allerwärts bei den Muselmännern der Unterschied zwischen den Großen und den Geringern durch das Aeußere laut ankündigt, daß z. B. der Große sein Weib einsperrt, während der Geringe das seine frei herumgehen, selbst bei einem Christen den Hausdienst versehen läßt, so besonders zeichnen sich der Großen Denkmäler, diese feierlichen Grabesdome, aus. Was ist das Grab und Grabmal des Geringen? Wenige Fuß tief wird Erde aufgeworfen, die Leiche hineingelegt, und darüber ein kleines Gewölbe flüchtig gemauert; obenher bringt man einen, aus Stein gehauenen, auf einer dünnen Unterlage ruhenden Turban an, welchen ich deßwegen so nenne, weil ich weiß, daß er einen vorstellen muß, und an der entgegengesetzten Seite erhebt sich etwa ein plumper Halbmond mit seinen stumpfen Hörnern. Wenige Jahre halten die zusammengepfuschten Steine aus, und sie verlieren ihren Zusammenhang, als wären sie bloß zusammengedacht gewesen, werden jetzt aber dem Grabmaurer als Baustoff erst wieder nützlich. Das ist das Grab und Grabmal eines muselmännischen Geringen. Selbst auf dem stummen Leichenacker, möchte man ausrufen, herrscht unter den Mohammetanern der schreiende Despotismus der Großen; allein im Innern der Gräber bebt derselbe beschämt vor der Wahrheit zurück: Der Staub aller Todten ist gleich.
Die Nekropolis steht an Pracht und Aufwand weit hinter dem Gottesacker Kâyd-Bei zurück.
Auf den Grabstätten erzeigen sich diejenigen Moslims, welche dem Christen den Eintritt in ihre Kirchen verweigern oder erschweren, sehr tolerant. Ungehindert ritt ich in Kairo auf einem Esel kreuz und quer über die Gräber. — Die größten Todtenfelder liegen außer dem Umkreise der Stadt[23].
Die Wasserleitung.
Schon auf der Burg empfahl sich meiner besondern Aufmerksamkeit eine auf vielen Pfeilern ruhende, lange, steinerne Brücke, die Wasserleitung, und ich war sehr begierig, in der Nähe sie zu besehen. Will man nach Altkairo sich begeben, so ist es ihrer Bögen einer, unter welchem der Weg durchführt. Der Wasserthurm (el-Migreh), als das Haupt des Aquädukts, steht rechts am Rande des Nils. Man kann auf ihn in einer unbedeckten Bahn reiten. Eben traf ich einige Weiber, welche die Brustwehre mauerten; ihr Mörtel war Viehmist, welchen sie mit heitern Mienen und zierlich mit ihren kleinen Fingern herumdrückten. Die Hände der Schönen waren Mörtelkellen, um welche diese Egypzierinnen von den Schönen Europas wahrscheinlich nicht wenig beneidet werden. Oben kirren sechs Räder, von zwölf Ochsen getrieben, um das Wasser aus der Tiefe zu schöpfen. Dasselbe wird in ein Becken ausgeleert, das in den Kanal ausmündet. Der liefert das Wasser in die Burg. Eine weite Strecke erhebt er sich hoch über die Erde. Erst in der Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim greift er in das Erdreich. Die Rinne selbst mißt etwa zwei Fuß in der Breite und Tiefe. Der Nilschlamm, welcher sich aus dem Wasser niederschlägt, wird mit Sorgfalt herausgeschafft. Ich ging ein Stück weit neben der Rinne bis an einen Ort, wo die Wasserleitung ausgebessert wurde.
Nahe an dem Wasserthurme fängt der ungemauerte Nilkanal an. Dieser wird jährlich zu seiner Zeit mit einem Damme querüber gesperrt, dessen Durchschneidung dann die Anwohner mit großem Jubel feiern. Allahu akbar (Gott ist groß); Gott läßt keinem Volke des Elendes so viel werden, daß er nicht dann und wann in dasselbe eine Rose der Freude streute.
Altkairo und das armenische Kloster.
Altkairo oder ehemals Fostât, dann Maser el-A’tykah der Araber ist eine besondere, mit Mauern und Thoren verwahrte, nicht unbedeutende Stadt im Süden und eine halbe Stunde von Großkairo, hart am Nil. Es gewährt ein einförmiges, schwarzgraues Aussehen. Die Häuser sind hoch und von Thürmen weit überragt; die Gassen enge und belebt, letzteres wenigstens diejenigen am Hafen.
Altkairo wurde im 20. Jahre der Heschira gegründet und 564. in Brand gesteckt.