Der Garten Ibrahim-Paschas und der Nilometer auf der Insel Ruda.
Man geht durch die fruchtbaren Felder Gabel, ehe man zum Nilarme gelangt, über den man setzt, um das Eiland Ruda zu erreichen.
Der Garten Ibrahim-Paschas, welcher von einem Engländer angelegt ward, gewährt einen paradiesischen Anblick. Manches, welches der Okzident und der Orient spenden, findet man hier geschmackvoll zusammengestellt. So schön der Schwarzenbergische und Lichtensteinische Garten in Wien sind, so gewiß erscheinen sie als Gerippe, wenn man sie dem Garten Ibrahims entgegenhalten wollte. Datteln, Sykomoren, Pappeln, Maulbeerbäume, Birken, Aloe und so viel einjährige Pflanzen sind alle in einen Rahmen gefaßt. In den Armen dieser schwelgerischen Natur beneidete ich, ich darf bei meiner Treue versichern, den Nordländer um seinen Herbst nicht im mindesten. Einzig die gepflückte Rebe vergilbte zum Theile, trieb indeß neben dem gelb gewordenen Laube die schönsten grünen Schosse. Die Rebe wächst zahlreich, und wird ebenso wenig an Pfählen aufgezogen wie in Lossin.
Das Lusthaus im Garten birgt eine künstliche Grotte, die mit prächtigen Muscheln vom rothen Meere ausgekleidet und eine wahre Augenweide ist. Manche, welche den Garten besuchen, denken jedoch nicht billig genug; schon sind mehrere Muscheln weggerissen, weil diese zum Andenken mitgenommen wurden. Der Selbstsüchtige zerstört Andern, was er selbst bewundert. In dem Haupttheile des Gebäudes, gegen Mittag, steht ein großes Wasserbecken. An den Wänden desselben befinden sich mehrere Oeffnungen, wodurch das Wasser fließt, um das Becken zu füllen. Es stand leer, und mir schien das Pavillon nicht ganz ausgebaut zu sein.
Mich zog noch ein ungemein poetischer Gegenstand an, wenn man anders für des Abbate Casti gli animali parlanti Begeisterung fühlt; ich meine, sit venia verbo, den — Viehstall. Eine Mauer schließt das Vieh ein; kein Dach schützt vor Sonnenhitze. Der Viehstall ist daher nur eine Art Viehhof oder eine Art Pferch. Zwei Krippen liegen neben einander, von einer Mauer getrennt, welche die Höhe des Viehes hat. Ich zählte im Hofe fünf und zwanzig Ochsen, welche die erforderlichen Eigenschaften besessen hätten, ein Küheharem zu bewachen. Alle Ochsen waren mit einem Stricke um den Hals an die Krippe gebunden. Durch diese drang zu solchem Zwecke an der Vorderwand eine längliche Oeffnung. Der Stallboden war die Erde und zwar so trocken, als unsere hölzernen Stallböden. Als Futter erhält das Vieh gehacktes Stroh, welches in einem Winkel des Hofes unter freiem Himmel aufgespeichert war. Das Vieh scheint mit dem Häcksel zufrieden zu sein. Die europäischen Viehärzte dürften sich hier nicht darüber ärgern, daß die zu sparsame Lüftung der Ställe eine Menge Krankheiten hervorrufe.
Der Nilometer oder Mekia, auf der Spitze der Insel Ruda, liegt Altkairo gegenüber. Ehe ich den eingefangenen Nil zu sehen bekam, mußte ich mich zu einem Effendi verfügen, um von ihm die Erlaubniß auszubitten. Ein graubärtiger, schöner Mann hockte auf dem Diwan, die Pfeife im Munde; daneben mehrere Männer, wahrscheinlich Schreibgesellen. Ich zog den Hut ab, wozu mich der Dragoman anwies, und dieser fragte mich, was ich wünsche? Ich möchte den Nilometer sehen, antwortete ich ihm ohne Titel und Komplimente. Es bedurfte des Weitern nicht, noch der Bezahlung einer Gebühr, die Erlaubniß ward ertheilt, und der Dragoman ging mit mir von hinnen.
Wir kamen an der polternden Pulvermühle und an der Salpeterfabrik vorbei. Ich schüttelte beinahe ungläubig den Kopf, als der Dragoman mir eröffnete, daß wir beim Nilmesser waren, so wenig wurde meine Erwartung befriedigt. Ueberspannte Erwartungen schaden gerne der treuen Anschauung des Gegenwärtigen; denn von der Höhe stürzt die Phantasie in die Tiefe, und verfehlt so die rechte Mitte. Der Nilmesser wird von zerfallenen Mauern umgeben, welche einen sehr übeln Eindruck hervorbringen und zurücklassen. Er sieht wie ein viereckiger Brunnenkasten aus. Der Mitte entsteigt eine nicht sehr dicke, achteckige, maurische, mit einem ganz kunstlosen Vierecke bedeckte Säule. Diese bezeichnen, wie einen Zollstab, regelmäßig von einander entfernte, jedoch nicht mehr sehr scharfe Kerben. Das Wasser in dem Nilmesser steht mit dem Wasserspiegel des Nils in gleicher Höhe, und darum kann man an der Säule das Steigen und Fallen des Nils genau beobachten. Früher soll der Aufseher über die Nilmessung sein Leben im Spiele gehabt haben, wenn er die bestimmte Höhe nicht sogleich verzeigte. Man leitete meine Aufmerksamkeit auf den hohen Stand des Wassers, welcher der Befruchtung des Nilthales günstig sei.
Man glaubt hie und da in Europa irrig, daß je höher der Nil steige, desto mehr Vortheil dadurch Egypten erwachse. Gerade in einem der letzten Jahre verstieg sich der Nil, und die Ernte einiger Bodenerzeugnisse fiel minder ergiebig aus.
Der Nil fängt in der Mitte Brachmonates an zu schwellen, und Ende Herbstmonates nimmt er seinen höchsten Standpunkt ein, wo dann viele Gegenden unter Wasser gesetzt sind[25].
Die Goldader Egyptens gibt zum größten Volksfeste Anlaß, wenn sie am stärksten angelaufen ist. Früher soll die barbarische Sitte geherrscht haben, daß man, zu Erhöhung des Festes, allemal eine Jungfrau in den Nil warf. Von der Sitte blieb nur noch die reich ausgeschmückte Barke übrig, in welcher man auf dem Flusse herumfährt.