Ausflug nach Heliopolis und Abusabel.
Es war Frühlingsanfang, der letzte Tag des Weinmonates und der erste des Wintermonates.
Verläßt man auf der Morgenseite die Stadt, da stellt sich der stattlich emporsteigende Mokatam, und selbst der Schweizer muß diese Kuppe des arabischen Gebirges der Aufmerksamkeit würdigen. In der Nähe hörte man zur Linken das Rauschen der Marktleute, zur Rechten das Trommeln und Trompeten der Kriegsknechte; zur Linken sah man hier ein Kaffeezelt, einen Garkochofen, dort für ein Soldatenweib eine Hütte von solcher Höhe, daß es darin weder stehen, noch gehen, sondern nur kriechen kann, manche Wohnung selbst ohne Obdach, und zur Rechten eine Menge Zelten, unter denen das Kriegsvolk gelagert ist, zur Linken den dornreichen Kaktus in üppiger Zahl, und zur Rechten weiterhin das Nichts der Sandwüste. Mein schauendes Auge wetteiferte mit dem horchenden Ohre, und der Nebel, welcher jenem die Seheweite streitig machte, konnte den Wetteifer nicht lähmen.
Kaum hatte ich das Freie gewonnen, so wendete ich mich links. Die noch nicht gänzlich zurückgetretenen Wasser der Überschwemmung erschwerten mir ein wenig das Reiten. Ich lustwandelte in einem Walde von Zitronenbäumen, auf denen, selbst auf dem gleichen Baume, wohlriechende Blüthen mit grünen und reifen, gelben Zitronen wechselten, und schon stand ich in Mattarieh vor dem Baume, wo die heilige Familie ausgeruht haben soll. Ich dachte zum Voraus, die Araber werden mich nicht täuschen können, weil die geschäftigen Christen ohne Zweifel ihre Namen in den Baumstamm eingeschnitzt haben würden. Und dem war also. Frömmigkeit, mit Eitelkeit gepaart, hinterließ mehrere Denkmäler, welche dießmal übrigens den Nutzen stiften, daß sie den Baum den Neugierigen kenntlich machen. Mitten in einem Zitronenwalde erhebt sich ein sehr dicker, ein gespaltener, leicht zu ersteigender Strunk. Darauf trieb ein dünner, kaum zehn Fuß hoher Stamm mit frischem, grünem Laube, eine Sykomore. Das ist der Marienbaum. Der Schatten desselben zerfließt in den Schatten der umstehenden Zitronenbäume, und verbreitet angenehme Kühlung. Ich möchte sein hohes Alter nicht bezweifeln.
Außer dem Walde erblickt man gleich nordwärts den Obelisken bei Samur Baosbeh oder in der verschwundenen Stadt Heliopolis (On)[26]. Elende Hütten stolziren jetzt auf einer Stätte, die so reich an Erinnerungen ist. Das Hinschwinden der aus den Händen der Menschen hervorgegangenen schönsten Werke quälte auch hier meine Seele mit bittern Gefühlen. Wie werden die Werke unserer Tage nach Jahrhunderten zerschlagen und zerstört sein? Der einzige heliopolitanische Ueberrest von Bedeutung ist ein Obelisk, dem ich mich mit geflügeltem Fuße näherte. Derselbe steht aufrecht, scheint mir aber etwas niedriger, als die Nadel der Kleopatra. Die Hieroglyphen sind auf allen vier Seiten deutlich, zumal diejenigen auf der nördlichen und westlichen Seite. Die südliche Seite wurde von der Sonne etwas gebleicht. Sogar der Farbstoff im rothen Granit des Obelisken vermag sich nicht in die Länge unverändert zu erhalten. Die Stabilität kann vor den immermehr sich erneuernden und häufenden Lehren der Wandelbarkeit nicht bestehen; allein dieß hindert sie nicht, sich recht bequem zu machen und niederzulegen, und so vegetirt sie, wenigstens in der Einbildung, doch fort. Die Hieroglyphenfurchen auf der östlichen Seite sind mit Sand vollgeblasen. Der Regen bildete mit dem Staube eine Paste, welche sich in jenen Furchen ansetzte. Die Nordseite hat die frischeste Farbe und ist am schönsten. Vergleicht man die Obelisken der Kleopatra und der Heliopolis, so fragt man sich: Warum hat das Denkmal zu Alexandrien im Laufe der Zeit weit mehr gelitten als letzteres? Es wird einleuchten, daß der an der Küste, häufiger als in Heliopolis, fallende Regen zerstörender wirken mußte. Die Erhaltung mancher Alterthümer in dem guten oder erträglichen Zustande hat Egypten dem seltenen Regen zu danken. Es rettet manchmal, wenn man so sagen darf, ein blindes Geschick, indeß vor den offenen Augen der Vorsicht und Sorgfalt etwas zu Grunde geht. Hätten die egyptischen Denkmäler, z. B. die Pyramiden, Europa gehört, so wären sie viel unscheinbarer, manche wohl nicht mehr. In 2000 Jahren wird der Obelisk von Luxor in Paris von dem Gesagten Zeugniß ablegen. In Egypten gab es einen wunderbaren Zusammenfluß günstiger Umstände, um der spätern Nachwelt so Vieles zu überliefern.
Der Obelisk stand so einsam als ehrwürdig mitten in halbgroßem Mais. Eines Fellahs konnte ich nicht so leicht los werden. Er meinte, ich sollte ihn dafür beschenken, daß ich einen Stein im Freien der Welt Gottes betrachtete. Wären derlei Leute Gebieter, so würden sie vielleicht einen jährlichen Tribut von dem Mitmenschen dafür erpressen, daß er sich am Scheine der Sonne erquicken dürfe. Wo die Leute im blindesten Despotismus erzogen werden, da verschließt sich auch ihr Sinn, wie des Despoten selber, für die natürlichen Rechte der Menschen.
Dieser Sehenswürdigkeit wegen mußte ich einen kleinen Abstecher machen. Bald aber hatte ich den breiten Weg der Wüste wieder eingeholt. Ich dachte an unsere wohllöblichen Straßenbaukommissionen und Baumeister, an unsere Zölle und Zöllner, an unsere Straßenbüreaukraten und Bauern, welche den Schweiß ihres Angesichtes wie den Kies auf die Straße schütten u. dgl. Zwischen Kairo und Abusabel nichts von Allem. Die Wüste ist die breite Straße für Jedermann sonder Hinderniß eines Schlagbaumes. Ohne den Staat oder die Ortschaft mit Kosten zu belasten, treten die Kameele in ihren langen Zügen gleichsam Geleise in den Sand, und das Abfordern des Zolles wäre eine Stimme in der Wüste.
Ich kam nach El-Mark. Hier steht ein Kaffeehaus alla Turca. Ich sprach zu. Die arabischen Kaffeehäuser stellen einen, um es schlicht zu nennen, offenen Schuppen vor. Das Wandwerk ist von Mauer. Vom irdenen Boden des Kaffeehauses genießt das Auge Freiheit bis ans — Dach hinauf. Auf einer Seite sieht man die Kaffeeküche, auf der andern den mit Strohteppichen belegten Diwan, welcher wie ein Sims die Mauer begleitet. Da hocken denn die arabischen Kaffeetrinker, deren lange Pfeife bis auf den Boden herabsteigt.
In El-Mark beginnt ein bedeutender Wald schattenarmer Dattelpalmen. Darauf erreichte ich den belebten Ort Chanka. Von da führte mich der Weg durch eine wüste Gegend, die häßlichste Einöde, nach der egyptischen medizinischen Fakultät Abusabel; das biblische Gosen zur Rechten.