Der in Egypten angekommene Abendländer ist in der ersten Zeit von mancherlei Aengstlichkeiten befangen. Er glaubt sich unter die Araber kaum recht mischen zu dürfen; mit Unrecht. Der Weg von Kairo nach Abusabel beträgt vier Stunden, und ich ritt unbedenklich allein, und man hat überhaupt weder bei Tage, noch bei Nacht Lebensgefahr zu befürchten. Ich fand den Weg durch die vielen wandernden Menschen, die Kameele, Esel, Pferde so lebhaft, wie irgend eine europäische Hauptstraße, sogar in der Nähe einer Stadt. Im Vergleiche mit Europa bewegen sich weit mehr Leute auf den Straßen als auf den Feldern. Wegen der Lebhaftigkeit ergötzt auch die Straße nach Abusabel, man durchmustert die fremdartigen Gesichter und Geberden, Trachten und Ladungen u. s. f. Stolz sitzt der Beduine auf dem Pferde, einen kurzen Säbel und Pistolen im Gürtel. Zuerst macht der Anblick dieser Waffen einen unangenehmen Eindruck; bald aber gewöhnt man sich so vollkommen daran, daß man sie nicht mehr beachtet. Uebrigens tragen die wenigsten Leute Waffen. So bestellt der Bauer (Fellah) unbewaffnet sein Feld. Erinnern sich alle Europäer, daß vordem, sich mit einem Säbel zu versehen, auch bei ihnen Sitte war?

Wenn man auf diesem Wege durch topfebene und wüste Gegenden, in denen selten ein kleiner Garten prangt, wandert, so wird man sich überzeugen, daß ein Theil der Wüste lediglich auf Rechnung menschlicher Nachlässigkeit fällt; er könnte bald in ein lachendes Gelände umgeschaffen werden. „Sorgfalt ersetzte oft, was hie Natur versagte (Strabo)“. Wirklich erblickt man hin und wieder Spuren von Bewässerungskanälen, den unwidersprechlichen Zeugen einer vormaligen Bodenkultur. Würde der Pascha geruhen, den Bauer dadurch aufzumuntern, daß dieser seiner Ernte sicher und froh werden könnte, große Striche Landes müßten in kurzer Zeit der Wüste abgedrungen werden. Ueberdieß verkündigen die angebauten Felder nicht allenthalben Fleiß und Sparsamkeit. Wahr ist, daß z. B. das Delta die Arbeit des Fellah mit schweren Ernten lohnt; allein ein so fruchtbares Land muß etwas hervorbringen, wenn man damit auch nur ein wenig sich bemühen mag; etwas im Feldbaue müssen die Leute jenes unermüdlichen Landes doch wohl verstehen, auf welchem so viele Jahrtausende hindurch unaufhörlich Früchte gediehen. Man gebe den Bienen des Nordens die gleiche Sonne, den gleichen Nilschlamm, die gleichen Ueberlieferungen, — was neue Wunder würden erstehen.

Bei Abusabel ward ich an einen Italiener empfohlen, und diese Empfehlung erwies sich sehr nützlich; ein Wirthshaus mangelt, und in die arabischen Hütten zu kriechen, wandelte mich eben keine Lust an. Es ist eigentlich früh genug, das Kreuz aufzunehmen, wenn man dazu gezwungen wird, vorausgesetzt, daß man sich überhaupt — nicht verweichliche. Dießmal wäre es um so umständlicher gewesen, über Nacht ein ordentliches Obdach zu finden, da die Nilüberschwemmung seit einem Monate das eigentliche Dorf Abusabel von den medizinischen Anstalten trennt, und man nur zu Schiffe von einem Orte zum andern gelangt; nicht eher als in zehn bis fünfzehn Tagen werde, hieß es, die Verbindung zu Lande wieder hergestellt.

Die medizinischen Anstalten bei Abusabel, im Nordost von Kairo, liegen in einer fruchtbaren Gegend. In der gegenwärtigen Ueberschwemmungszeit gefiel sie mir nicht. Das Land war mit zu viel Wasser bedeckt, woraus Gebüsche und Bäume einsam auftauchten; und wo es vom Wasser nicht bespült wurde, behauptete die Wüste ihre grause Herrschaft.

Das niedrige, einstöckige Gebäude verspricht wenig von Ferne. Es bildet vier Höfe. Die nähern zwei gehören der Veterinärschule, und die entferntern oder dem Dorfe Abusabel nähern bilden den Sitz der medizinischen Schule. Zuerst sei von dieser die Rede.

Nähert man sich der Hochschule von Chanka aus, so steht links ein ungewöhnlich langes Haus, die Wohnungen für die Angestellten, die Professoren, Pharmazisten, Uebersetzer u. s. f. Es öffnen sich eine Menge Thüren ebener Erde nach einander. Jede führt zu einer Wohnung. Rechtshin tritt man in die eigentliche medizinische Schulanstalt. Diese besteht aus einem viereckigen Gebäude, welches einen geräumigen Hof umfängt, und im Umfange des letzteren breitet sich, neben dem besonders stehenden Anatomiegebäude, der sogenannte botanische Garten aus.

Das anatomische Theater, ganz nach europäischem Geschmacke, schön gemalt und mit arabischen Schnörkeln überschrieben, ist sehr hell, und entspricht seinem Zwecke vollkommen. Eine in ein Tuch gehüllte Wachsfigur stand beinahe in der Mitte. An einer Wand fesselt die Aufmerksamkeit ein Glaskasten, worin der Anfang einer ornithologischen Sammlung aufbewahrt wird. Vor dem Theater, im gleichen Gebäude, aber auf der mittäglichen Seite, tritt man in den Sezirsaal. Auch an diesem wußte ich nichts auszusetzen. Es lagen eben vier, mit einem Tuche zugedeckte, halbschwarze Leichen auf den Sezirtischen, jede auf einem. Zwei waren von der beginnenden Verwesung schon häßlich gefärbt, und erfüllten die Luft mit einem sehr übeln Geruche. Das heiße Klima stellt den Sezirübungen in Egypten viele Schwierigkeiten entgegen, wenigstens viele Unannehmlichkeiten zur Seite. Bereits hatten Ferien begonnen. Gleichwohl begünstigte mich das Glück, einen Vortrag zu hören, nämlich dem Operazionskurse des Herrn Duvigneau[27] beizuwohnen. Der Lehrer in europäischer Kleidung, auch mit einer Schürze angethan, stand am Sezirtische, gleich neben ihm der Dragoman, ein Araber von etwa fünfundzwanzig Jahren. Die arabischen Studenten schaarten sich um den Tisch. Sie trugen rothe Mützen, eine weiße, über der Brust zugeknöpfte Weste mit Ermeln, weiße, den untern Theil der Weste umfassende Pumphosen und Schuhe, die weiter nicht auffielen, doch keine Strümpfe. Die jungen Leute mochten ein Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren zurückgelegt haben. Der Professor hob damit an, über die Amputazionen Lehren zu ertheilen; er unterschied sie in solche, die in und außer der Kontinuität des Knochens vorgenommen werden. Jede Phrase übersetzte ein Araber leicht und schnell aus dem Französischen des Professors ins Arabische. Daß dergestalt die Mittheilung mühsam sich dahinschleppe, sieht Jedermann ein. Ohne Noth aber verstrickt der Professor seine Gedanken in lange Perioden mit Zwischensätzen. Daraus folgt unzertrennlich, daß die Aufmerksamkeit der Zuhörer mehr zerstreut wird. Uebrigens schauten und horchten diese möglichst aufmerksam, als wären sie die Erfinder der Aufmerksamkeit. Einer gab oft zu vermerken, daß er den Vortrag begreife. Ein empfindsamer Araber hatte seine Nase mit Papier oder etwas Anderem vor dem Wohlgeruche der Leichen verstopft, ungefähr so, wie man es einer sentimentalen Miß von London verzeihen würde. Unter den Augen der Zuhörer unternahm der Professor, nachdem er das blutige Heilverfahren aus einander gesetzt hatte, die Amputazion eines Fingers. Weder der Vortrag, noch die Art, wie der Lehrer operirte, verhieß Ausgezeichnetes. Er schien indeß mit Gewissenhaftigkeit seinem Berufe abzuwarten. Jeder Mensch mag sich beruhigen, welcher sein Pfund redlich gebraucht.

Apotheke. Es wäre unnöthig, eine europäische zu beschreiben.

Laboratorium: Dieses ist hübsch ausgestattet, und sicher gebricht es nicht am Lehrstoffe, wenn nur die Zöglinge genug Lust und genug Fähigkeit zum Lernen besitzen.

Die Krankensäle sind zugleich die klinischen Säle, und sehr ähnlich denen in den Abtheilungen des allgemeinen Zivilkrankenhauses zu Wien. Der gefüllte Bettsack ruht entweder auf dem hölzernen Käfiche, der gewöhnlichen egyptischen Bettstelle von Palmzweigen, oder auf einem eisernen Gestelle. Das Kissen fehlt nicht; die Bettdecke ist von grober Wolle. Neben dem Bette befindet sich ein Trinkgeschirr oben und ein Pot de Chambre unten. Ueber die ärztliche und wundärztliche Behandlung der Kranken kann ich, leider, das Wort nicht ergreifen. Die Visiten geschehen Abends 9 Uhr und Morgens um 11 Uhr. Alles aber empfahl sich nicht minder durch Reinheit und Ordnung, als durch einen bessern europäischen Geschmack, daß ich an der zweckmäßigen Behandlung nicht zweifle. Abends (zur Asserzeit) wurden die Speisen ausgetheilt. Ich kostete die Reissuppe, und, wegen ihrer Schmackhaftigkeit, würde ich gerne sogleich eine Portion genossen haben. Das Schicksal der hiesigen arabischen Kranken leiht nicht den entferntesten Grund, von den Europäern bemitleidet zu werden. Die Säle enthalten die Krankheiten nach der Eintheilung in innere und äußere (internes et externes). Diese Eintheilung ist in französischer Sprache über den Thüren aufgeschrieben. Hinwieder trägt jeder Saal eine Nummer. Demnach durften die Franzosen, wie es scheint, ihre Heiligen aus dem Hôtel-Dieu in Paris nicht herüberbringen. Um nicht den Verdacht zu wecken, daß ich bloß ein neugieriger Laie sei, wollte ich den Saal der Lustsiechen nicht betreten. In den Krankenzimmern führten mich etliche Studenten herum; denn sobald sie die Anwesenheit eines europäischen Hakim (Arzt) erfuhren, kamen sie mir mit Freundlichkeit zuvor. Sie drückten sich in französischer Sprache leidlich aus. Die Zahl der sämmtlichen Studenten, d. h., der Mediziner, Chirurgen und Pharmazeuten, wußten sie mir nicht anzugeben. Man muß gestehen, daß die europäischen Studiosi lieber kalkuliren. Ich vernahm aus dem Munde der Abusabler-Studenten nur so viel, daß 41 die Klinik besuchen. Die Gesammtzahl der Zöglinge beläuft sich etwa auf 200.