(Sonderbar aber, daß nicht Seisson den Operazionskurs gab.)

Der Lehrstuhl der Anatomie ist seit dem Austritte Fischers einstweilen erledigt. Durch Eifersucht verdrängt, erwarb sich dieser Deutsche doch die bleibende Achtung der Bessern. Es ist für den Tugendhaften sehr aufmunternd, daß er, bei Mißkennung seiner Bestrebungen, an den Rath seines vor Gott offenen Gewissens und an das Synedrium der Besseren in der Welt appelliren kann.

Die Veterinärschule stößt an die eben beschriebene medizinische. Der Vorsteher derselben, mit Namen Ammon, ein junger Franzose, bezieht von der Regierung einen monatlichen Gehalt von 5000 Piaster (über 600 Gulden R. W.).

Das Vieh mit äußeren und inneren, so wie insbesondere mit ansteckenden Krankheiten ist in den Ställen geschieden. Diese, mit einem Dache versehen, werden reinlich gehalten. Ein Gesimse von Mauerwerke nimmt ziemlich große, irdene Töpfe auf. Je einer für ein Stück Vieh, vertreten sie die Stelle einer Krippe. Harnrinnen sucht man indeß vergebens. Auch hier fressen die Thiere Strohhäcksel. Bei eintretendem Mangel des Platzes in den Krankenställen werden die Thiere unter freiem Himmel gehalten. Wie in Egypten die Augenentzündung den Menschen häufig befällt, ebenso ist ihr das Thier unterworfen. Die Veterinärschüler empfangen außer ihrem Fache Unterricht im Reiten, so daß eine wirkliche Reitschule besteht. Hörsäle, anatomisches Theater, Sezirsaal, Apotheke und Laboratorium lassen an der guten Einrichtung keinen Zweifel übrig. Auf einer Tafel im Sezirsaale liest man die Namen derer, welchen der Operazionskurs vorgeschrieben war: Akmet Abdrahman, Akmet Ibrahim u. s. f. Das klingt nun einmal unchristlich. Im anatomischen Theater trifft man bloß einige Skelete. Es ist Schade, daß unter diesem heißen Himmel überhaupt der wissenschaftliche Eifer leicht erkaltet. Die Veterinärschule zählt 120 Zöglinge: ein bemerkenswerthes Mißverhältnis zu der Zahl der Mediziner.

Die Zucht der Zöglinge beider Schulen ist eine klösterliche oder militärische. Einmal schon werden die Anstalten von Militär bewacht. Die Schüler sind Alumnen; fast alle arm, werden sie auf Kosten des Staates unterhalten und gelehrt. Sie schlafen in großen Gemächern, die Thierarzneischüler auf dem Boden, unter ihnen nur eine Strohmatratze und über ihnen die Kleider; für die Mediziner hingegen sind ordentliche Betten aufgeschlagen. Wenn man in solchen Gemächern, wo so viel Morgenländer beisammen leben, der orientalischen Laster sich erinnert, so wird man von einem ordentlichen Abscheu ergriffen. Neben den Schlafgemächern gibt es für die Studenten noch besondere Speisesäle nach europäischer Art. Ich sah gerade eine ungemein lange Tafel gedeckt. Unzweifelhaft werden die Alumnen gut genährt.

Die Studenten hatten kurz vor Sonnenniedergang Feierabend. Es muß zwischen Arbeit und Ruhe ein Ebenmaß sein, sonst leiden beide, Leib und Seele. Die jungen Leute zogen, je zwei und zwei neben einander aus. Am Thore gegen Abusabel hielt der Flöter und Trommler an, und flugs zerstob die Reihe, um sich in die Barke zu werfen, welche sie nach Abusabel führen sollte, darunter manche zu den Weibern. Jeder wollte der erste in dem Kahne sein. Auf die Rückfahrt der Barke wartende Studenten vergnügten sich daran, daß sie Steine ins Wasser schleuderten, die wechselweise in diesem niedertauchten und wieder hervorhüpften (Epostrakismos der Griechen). Um neun Uhr Abends mußten die Einen zurückkehren; die Uebrigen durften bis morgen in der Frühe ausbleiben. Letzteres erzähle ich nach Andern.

Das Leben der bei Abusabel Angestellten gleicht so ziemlich einem Schlaraffenleben, und sie können die Zeit mit genauer Noth hinbringen. Wenn ein europäischer Fremder die Anstalten besucht, so ist er beinahe Fingerzeig. Das Auge weilt fast lieber bei den die Höfe zierenden Dattel- und Akazienbäumen, als bei Leuten, wiewohl aus dem gleichen Welttheile, welche dem Schöpfer das Meiste vom Tage abstehlen. Gilt denn etwa hier die Ausnahme von der Regel, daß der Müßiggang aller Tugenden Anfang sei?

Von der Zugänglichkeit der Mohammetanerin hörte ich bei Abusabel Dinge, welche Erstaunen erregen. In ältern Zeiten wurde eine solche, welche sich mit einem Christen verging, den Wellen des Nils preisgegeben. Ob nun die Mittheilungen beweiskräftig genug seien, um zu entscheiden, daß der religiöse Fanatismus um manche Grade sich abgekühlt habe, wage ich kaum anzudeuten, und wenn ich andeuten müßte, so fiele die Bemerkung, daß die geschlechtlichen Verirrungen auf eine höhere Sphäre konfessioneller Nachgiebigkeit oder Strenge selten schließen lassen, weil sie aus einer tiefsinnlichen Quelle hervorsprudeln. Wahrscheinlich würden sich, wie zur Zeit der Franzosen- und Patentherrschaft, wenige Araberinnen gegen die Verbindung mit einem Christen sträuben. Wenn sie auch nicht die Liebe dazu lockte, so doch das tönende Erz. Eröffnungen über das punctum sexus strömen unter den Franken in diesem Lande so ohne Rückhalt daher, daß der galante Großstädter des Abendlandes nicht offenherziger sein kann. Wenn die Konkubinen in die Hoffnung kommen, so werden sie von Manchen ohne Theilnahme und Hülfe verstoßen. Die Mohammetanerin könnte vor dem Richter keine Ansprachen geltend machen; wohl aber ist gewiß, daß derselbe die Sache, sobald sie vor ihn gebracht würde, zum Nachtheile des gefallenen Mädchens nicht ungeahndet hingehen lassen könnte. Hinwieder steht der Europäer, in seiner großen Freiheit und Unabhängigkeit, nicht unter dem ordentlichen egyptischen Richter, sondern unter dem Konsulate, um dessen Schutz er nachsuchte. Etwa im Falle eines Ehebruches oder einer Defloration, im Falle, daß über die mohammetanische Religion geschimpft, oder daß falsche Münze geprägt würde, müßte die Auslieferung an den egyptischen Richter erfolgen. Wie weit diese Unabhängigkeit getrieben wird, lehrte unlängst ein handfester Engländer. Es wollte ihn die Polizei aufgreifen, weil er Mohammetanerinnen ins Haus aufnahm, in einer Absicht, die leicht errathen werden konnte. Statt alles Fernern schlug er die Polizei nieder. Das Konsulat schützte ihn doch so sehr, daß er von der vizeköniglichen Polizei in Kairo nicht weiter beunruhiget wurde.

Ich machte früher in Wirklichkeit einen Abstecher zu Lande, und jetzt einen auf den Schwingen des Geistes. Kehren wir zurück, um einen Rückblick auf die Schulanstalten bei Abusabel zu werfen.

Im Andenken unferner Zeiten, da noch das ganze Egyptenland, seit der Herrschaft der Türken, in tiefe Barbarei versunken war, wird man billig ein Loblied auf den nunmehrigen Herrscher, Mehemet-Ali, anstimmen, welcher für jenes Land wirklich großartige, hoffentlich segensreiche Anstalten ins Dasein rief. Angenommen, daß die Stellen immer mit tüchtigen Professoren und keinen Stümpern, mit Freunden der Wissenschaft und keinen Abenteurern, mit gewissenhaften Arbeitern und keinen bloßen Glücksrittern besetzt werden, so dürfen die Anstalten mit den medizinischen Fakultäten kleinerer deutscher Hochschulen in die Wette laufen; ich möchte noch weiter gehen, in praktischer Beziehung werden sie letzteren den Vorrang ablaufen. Beherzige man nur, wie oft der Mangel an Leichen zum Behufe von Zergliederung auf manchen Hochschulen beklagt wird. Umgekehrt werden die egyptischen Anstalten in theoretischem Bezuge gar keinen Vergleich aushalten, und bis ein echt wissenschaftlicher Geist dieselben durchdringt, beseelt, erwärmt, kann über die viel zu neue Grundlage, selbst unter den günstigern Umständen, ein ganzes Jahrhundert verstreichen. Jedenfalls wird der Pascha mehr oder minder brauchbare Aerzte für die Armee bekommen, und das ist es, was er zunächst bezweckt. Es würde ihn wahrscheinlich gar wenig befriedigen, wenn die Zöglinge sich in medizinische Spekulazionen vertieften, und in diesem Gebiete der Schriftstellerei sich versuchten, um vielleicht durch gelungene Arbeiten einen neuen Glanz auf das Leben des Regenten zu werfen. Der Gedanke thut wahrhaftig bis in das Innerste der Seele wohl, daß in dem Lande, wo einst Heliopolis und Alexandrien durch die Schätze der Wissenschaft weithin leuchteten, nach den vielen Jahren der traurigsten Finsterniß, wenigstens einige Schritte versucht werden, um die Verlassenschaft der erhabenen Vorfahren, ob auch nicht in ihrem vollen Werthe, doch einigermaßen zu würdigen.