Später leitete der Weg zu einem ziemlich breiten Abzugsgraben des Nils; wir durchschnitten diesen in einem Kahne ohne Schwierigkeit. Bald traf ich seichtes Wasser. Es liefen zwei Männer daher, und einer trug mich über dasselbe. Ich wußte nicht, daß diese — Führer sein sollten. Der Eseltreiber, voll jämmerlicher Angst vor dem Wege nach den Pyramiden, rief sie ohne mein Wissen und meinen Willen. Der eine, ein Scheik, mit nicht unangenehmen Gesichtszügen, war mit einer Flinte, der andere mit einem langen Stocke bewaffnet. Mehrere Male wurde ich von den Leuten über das seichte Ueberschwemmungswasser getragen. Zweite Stazion des Elendes.

Ungefähr anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang erreichte ich eine große Wasserfläche, welche man für einen breiten Fluß hätte halten können. Darüber sollten wir im Kahne. Es erschallte der Mahnruf an den Fährmann. Die Sonne verschwand hinter die libyschen Hügel, ohne daß man mich holte. Es kamen mehrere Männer, die, wie ich, die Abfahrt erwarteten; dann auch Weiber. Diese kauerten an einem besonderen Orte, unordentlich im Kreise, schwatzten viel, lachten viel, guckten gerne, aßen Datteln, einzelne rauchten auch Tabak. Die Männer trugen ihre Worte auf den Flügeln des Gelächters, und schauten kaum gegen die Weiber. Nach zweistündigem Warten langte endlich der Fährmann an. Ich freute mich sehr wenig auf die Nachtfahrt, und doch brannte ich vor Verlangen, wegzukommen. Ein fester Blick nach einem Ausgange der Dinge kann den Menschen dahin bewegen, daß er sich nach Unangenehmem sehnt. Dritte Stazion des Elendes.

Die Nacht war hereingebrochen; der schöne Mond suchte indessen die Finsterniß derselben zu verdrängen. Stelle man sich Jemand vor ohne Kenntniß der arabischen Sprache, mit einem albernen Eseltreiber, bei Nacht, unter lauter Fremden, im fernen Auslande, und in der Ungewißheit, wo er die Nacht über sein Haupt niederlegen könne, und man fühlt jetzt das Peinliche meiner Lage. Geschehe, was Gott will, dachte ich. Man wies mir den beßten und geräumigsten Platz in dem Fahrzeuge an. Es durften jedoch hier, wegen der Untiefe, nur wenige von den anwesenden Leuten die Barke beschweren; die übrigen, auch die Weiber, hoben ihre Röcke, so hoch ihnen die Tiefe des Wassers gebot, und wateten uns nach. Der Mond, seiner Schalkhaftigkeit eingedenk, lachte, während dieses Auftrittes die keusch und anständig in schwarzen Flor gekleidete Nacht ein wenig aus. Wie wir tieferen Grund gewonnen, bestiegen endlich alle den Kahn, natürlich nicht ohne viel arabischen Lärm. Es währte ziemlich lange, bis wir den vom Mond vergoldeten Spiegel in die Quere durchspalteten. Das lange Warten auf den Fährmann, die Fahrt auf Ueberschwemmungswasser beim Mondesscheine und andere Umstände prägten die Nilüberschwemmung unauslöschlich in mein Gedächtniß. Wir landeten glücklich. Ich ritt vorwärts — zwischen ausgetretenen Wassern. Allein jetzt kam es ernster. Tiefes Wasser sollte durchwatet werden. Unzufrieden mit dem niedrigen Esel, setzte ich mich auf die Schultern zweier Araber, faßte sie um die Köpfe, und streckte die Beine wagrecht aus, so gut ich vermochte. Es half nichts, — ich ertränkte einmal einen Schuh. Vierte Stazion des Elendes.

Ich konnte doch wieder auf dem Esel davon reiten, und ruhiger an dem herrlichen Schauspiele mich abletzen, das sich mir darbot. Der Mond entfaltete all’ die Pracht seines Lichtes, auf daß ich die Pyramiden bewundere. Diese schienen nun so nahe, daß mich bald gelüstet hätte, sie mit der Hand zu berühren. Allmälig verminderten sich unsere Gefährten. Wo die Freihunde bellten, dahin zogen beide, Männer und Weiber. Mich begleiteten bloß noch der Eseltreiber und drei andere Araber, Alle mir zu Schutz und Trutz. Jetzt hatte meine Gesellschaft ihre bestimmten Umrisse; die Lage war seltsam; Furcht wurde von Vertrauen überwogen. Ich warne den Leser bei Zeiten. Es geschieht wohl auch, daß größere Gefahr in den Büchern aufgefaßt und gefühlt wird, als sie wirklich war.

Es mußte dem Eseltreiber schon in Kairo erklärt worden sein, daß ich am gleichen Tage noch bis zum Dorfe wolle, welches von den Pyramiden am wenigsten entfernt liege. Ich schrie dem Eseltreiber oft ins Ohr, in den mannigfaltigsten Wortwindungen und Radebrechereien, um es ihm ja recht verständlich zu machen, daß ich in einem Hause die Nacht hinbringen wolle. Zum Ueberflusse gacksete ich noch etwas arabisch; reden konnte ich so nichts. Es war mir, als sollte ich einen Berg von der Stelle wälzen. Nicht ohne Ursache drang ich so begierig auf ein Dorf oder auf ein Haus. Als Lebensmittel hatte ich nichts, als etwas Brot und Zucker mit mir genommen. Ehe ich mich versah, saß ich vor den Pyramiden, vor den Trümmern an ihrem Fuße, vor dem Sphinxe. Nicht zu den Pyramiden, sondern in ein Dorf will ich, sagte ich mit dem Nachdrucke eines bebenden Gemüthes. Ja, ja, erwiederte der Araber. Es ging an der großen Pyramide hinauf — zum Eingange. Da sei das Haus, und gut zu liegen, stammelte der Bube. Durstig und hungrig sollte ich auf Stein mich niederwerfen, an der Wüste mich sättigen, und das Gebläse des kühlen Nordens athmen. Ich war kein Engländer, um meine Gesundheit an das Rühmchen zu setzen, daß man eine mondhelle Nacht in der dunkeln großen Pyramide verlebt habe. Hier wollte ich mit nichten bleiben.

Allah, rief ich und ich stieg hinunter. Mittlerweile fing ich an, etwas umsichtiger zu überlegen: zu essen brauche ich wenig, und wenn ich bloß vor dem Winde geschützt sei, so dürfte die Nacht wohl erträglich werden. Ich ließ mich auf einige Zugeständnisse ein; meine Leute hatten ohnehin keine Zuglust nach dem Dorfe. Im Reisen darf man nicht mit Unbeugsamkeit an Nebendingen hangen. Ich konnte mehr oder minder merken, daß in der Nähe ein Haus des englischen Konsuls uns als Herberge dienen sollte. Wie ich ankam — wieder kein Leben, nur ein mit einer Thüre verschlossener Pyramidenstumpf. Zu meinem Troste erspähte ich neben jener eine Art Fensterloch, das nicht unbequem schien, um mich zu beherbergen. Der Zugluft und den Thieren zu wehren, ließ ich die Lichtöffnung nach innen mit Steinen ausfüllen. Ich kroch hinein; den Kopf auf einem Gesimse, den Leib auf dem Steine, eine wollene Decke unter, den Mantel über mir, so lag ich, und noch nie auf einem antikeren, nur einmal auf einem ebenso schlechten Bette.

Die Leute thaten zu meinen Füßen an der Pyramide und auf dem Sande so recht behaglich, kauten mit Lustigkeit schmatzend ihre frischen Rettiche, und plauderten in fröhlichem Tone. Meines Durstes und meines Hungers nicht achtend, prüften sie eine Zeitlang meine Geduld. Ungeduldig endlich und drohend griff ich zur Karbatsche, mit den Worten: Bringet Milch und Wasser; voi mangiate ed io ho fame (ihr esset und ich habe Hunger). Das Ding war gut; zwei Männer rückten bewaffnet aus. Sie brachten, schon spät gegen Mitternacht, mit einem Drittmanne Milch und Wasser. Ich schätzte mich so glücklich, als unsere Väter, denen Manna vom Himmel herabfiel. Ich ließ die Milch aufkochen, und noch nichts auf der Welt schmeckte mir besser. Den Durst gelöscht, den Hunger gestillt, was wollte ich mehr? Zufriedenheit goß wieder ihren erheiternden und erwärmenden Sonnenstrahl in meine Seele, und nicht mehr drückte mich der Gedanke an eine Nacht im Freien. Wiewohl in der Wüste und unter unbekannten Menschen fand ich keine Gründe, um für Leben, und wenige, um für Eigenthum besorgt zu sein. Ich schlief ziemlich gut, ohne zu frieren, und ich würde noch besser geschlafen haben, wäre ich nicht von einer Maus und Fledermaus gestört worden. Fünfte Stazion des Elendes.

Als der Morgen des 6. herannahte, grübelte ich mit meinen, gegen Sonnenaufgang gewendeten Augen, das schwächste Grau ungeduldig aus dem hehren Dome. Die Morgendämmerung täuschte mich nicht mehr, nein, sie täuschte mich nicht mehr; auch verkündigte sie von Kairo her der Donner der Kanonen; ich begrüßte sie mit kindlich freudigem Herzen. Sobald der Tag heller war, verließ ich mit den fünf Männern den Pyramidenstumpf. Ich kam an einer Stelle vorüber, wo Nachgrabungen veranstaltet wurden. Es lagen auf der Oberfläche viel Menschenknochen, so wie Einbalsamirungsmaterie, wovon ich zum Andenken aufhob. Im Augenblicke, da ich hart an der mittäglichen Seite der großen Pyramide stand, empfing ich den demüthigenden Eindruck einer hohen Majestät; sie strebte gewaltig empor, wie auf den Bergen die letzte erhabene Zacke.

Bald befand ich mich wieder da, wo gestern, nämlich am Eingange der großen Pyramide. Am Lichte einer Kerze stieg ich hinunter, ging fort und hinauf. Ich beschreibe nicht die Gänge und Höhlen. Der Grabstichel des Künstlers stellt anderwärts deutlich vor Augen, was die Feder nur undeutlich vermöchte. Meine Bemerkungen beschränken sich auf Weniges. Der Besuch der Heiligthümer kostet wenig Schwierigkeiten. Ueberall guter Stand oder Halt oder beides. Der Saal des Königs ist sehr hoch, und einzig ein Sarg aus Granit unterbricht in demselben die Einförmigkeit.

Nach den französischen Gelehrten ergeben sich für die große Pyramide folgende Maße, die Verkleidung inbegriffen: