Die letzte und diese Poststazion sind, wenn die Mittheilung des Kapitäns Glauben verdient, wegen der Räuber am gefährlichsten. Wir frühstückten in Salehyeh, einem Dorfe mit einer Post, wo die eigentliche Wüste beginnt.

Es langte eben die Post an. Der Postillon trug um dem Haupte einen Turban, und unter dem Kinne einen langen Bart, und über dem Leibe einen langen, faltigen Mantel (Abba). Das Posthorn schmetterte nicht, noch knirrte das Rad; nur sanft patschte die Hufe des Dromedars auf, und kein besonderes Abzeichen war an der Kleidung des Wüstenpostillons erkenntlich. Darin sind die Europäer sehr erfinderisch, einem Jeglichen sein passendes Hanswurstkleid zu geben. Einzig trug der langtrabende Dromedar am krummen Straußhalse eine kleine Glocke, was sich wohl schickt, damit die Räuber zu rechter Zeit erinnert werden.

Jetzt ging es in die Wüste, und als wir tiefer in derselben uns befanden, begegnete uns zu Fuße ein Derwisch (ein mohammetanischer Pfaffe) mit fliegenden Kopfhaaren und langem Barte. Es ist merkwürdig, daß die Wüste immer noch ihre Weltüberwinder begeistert. Es wäre vielleicht doch schon mit den alten Säulenheiligen genug gewesen. Sage wenigstens dem blinden Religionszwange: In der Wüste ist Freiheit des Glaubens.

Die Wüste war nicht so kahl, wie ich sie mir vorstellte. Viele Sodagewächse bekleiden sie zur Steppe. An den meisten Orten zeigte sich dieselbe so, wie ein Kartoffelfeld mit seinem einsam stehenden jungen Kraute. Hie und da erhoben sich kleine Hügel, uns in der Aussicht Abwechselung zu verschaffen.

Auf meinem Dromedare traf mich ziemlich ferne von menschlichen Wohnungen der Unfall, daß er sich reisemüde niederließ. Unverzüglich hob der Geleitsmann das Gepäcke ab; jener stand auf, und trug mich weiter. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kameele oder die Dromedare auf die Kniee sinken, sobald man sie überladet. Uebrigens war mein armes, an einer Lungenkrankheit leidendes Thier sehr schwach, so daß es beinahe umfiel. Der polnische Reisegefährte rief in seiner Hastigkeit, daß unser Unglück mehr als gewiß sei. Auf dem ermüdeten, kranken Thiere wäre allerdings bei einem etwaigen Ueberfalle die Flucht unausführbar gewesen. Ich war kalter Skeptiker und ritt weiter mit Gelassenheit. Fürchtet man Alles, so hat man doch nichts mehr zu befürchten, und so gewährt wenigstens der Blick in die Zukunft Beruhigung.

Mit unnennbarer Freude erblickte ich gegen Abend auf einer kleinen Anhöhe das Posthaus. Ehe wir dabei anlangten, kamen wir hie und da über einen aufgedämmten Weg (Brücke), arabisch Kantâra. Der Europäer würde das Posthaus zu Kantâra nicht erkennen, und winkt es dem Wanderer doch freundlicher, als der stattliche Postpalast in Paris. Man denkt mit wonnigem Gefühle beim Anblicke der Posthütte, daß man hier unter Menschen Schutz und Ruhe finde. Dem plattdächigen Posthäuschen gegenüber stand mittagwärts eine Art Pavillon, von Dattelblättern gebaut. Weiterhin gruppirten sich einige Zelte für die Polizeisoldaten. Bei Kantâra zieht vor den Blick eine kleine Bucht des Sees von Menzaleh (Tanis lacus), und in seiner Nähe steht ein Brunnen, welcher, wenn ich nicht irre, Byr-el-Dueydar heißt.

Wir waren von dem Durste stark geplagt. Wir schleppten bloß eine Wenigkeit Wasser, nicht einmal in den festesten Thierfellen, mit, so daß eines Morgens mein Bein ganz naß wurde, weil, wegen der schlecht angeordneten Ladung, dasselbe über einen Wasserschlauch gehalten werden mußte. Diese kleinen Vorräthe sollten bis El-Arysch ausreichen. Ich kostete das Wasser zu Kantâra, und fand es salzig (kochsalzig); weil mein Durst aber sich wenig um den Gaumen bekümmerte, so gab ich mich zufrieden und trank. Ich lasse andere Aerzte ihre Qualen erzählen, welche sie von den immer anderes und anderes Getränke verlangenden Kranken zu erdulden haben; ich beschränke mich auf die Bemerkung, daß nur der schwache Durst schwer befriedigt wird, und daß man bei wahrem Durste trinkt, was flüssig ist. Um meine heiße Trinklust einmal ordentlich zu löschen, kochte ich Kartoffeln (die 75 Prozent Wasser enthalten), nachher stößerte ich sie und versetzte sie mit Wasser, worauf sie mit Butter abgekocht wurden. Diese Speise hatte gerade die erwünschte Salzigkeit und schmeckte dem Hungrigen. Sonst verursachte mir das Wasser weder Erbrechen, noch andere Beschwerden.

Begreiflich suchten wir hier den Unfall, welchen uns der Dromedar bereitete, wieder auszusöhnen. Wir versprachen dem Posthalter, einem schön gestalteten und bieder scheinenden Manne, hundert Piaster für einen Dromedar bis El-Arysch. Die Verheißung einer nicht ganz unbeträchtlichen Geldsumme und die Thränen des Reisegefährten, welche dieser über unser Mißgeschick vergoß, vermochten den treuen Postbeamteten nicht zu erschüttern. Er antwortete mit kurzen Worten, daß auf Auslieferung der Thiere, ohne Requisizion der Regierung, das Leben hafte. Was war wohl zu thun? Man mußte sich, ob gerne oder ungerne, in das eiserne Schicksal fügen. Wir vereinigten uns zuletzt in dem Vorhaben, morgen meinen Dromedar ohne Gepäcke versuchsweise zu reiten, was er wahrscheinlich aushalten werde. Verläßt uns die Hilfe der Menschen, so vertrauen wir wieder gerne der Vorsehung.

Den 11.