Der Weg zog über Hügel gegen Berlaupt. Als ich hier abstieg, fror es mich so nachhaltig, daß ich mich ans Feuer setzte, und nach der Spende der Sonne sehnte. Junge Burschen, die uns umgaben, machten freundliche Mienen, und ich glaubte an ihnen schon einen Uebergang in den weißen Stamm zu bemerken. Vor meinen Augen wandten sie mit ebenso viel Gleichmuth, als Gewandtheit das Glüheisen bei einem Pferde an.

In der Besorgniß, daß mein Dromedar mitten auf dem Wege erliege, sahen wir uns nach einem andern um. Der Posthalter war vor wenigen Tagen gestorben, und die jungen Sprößlinge von leichtem Stoffe, wie Spinnengewebe, trugen kein Bedenken, uns ein Thier anzuvertrauen, so ernstlich auch die im Harem verborgenen Weiber, als würdige Stellvertreterinnen des zarten Geschlechtes, dagegen schreien mochten; nur forderten jene zu stark. Wir wurden endlich einig; schnell ging man, den weidenden Dromedar zu holen.

Nun hatte ich einmal einen guten Läufer, und die Wüste wurde für mich ein Paradies. Indeß bot die Gegend hier auch wirklich die reizendsten Partien dar. Auf einmal kamen wir in einen großen Kessel. Ein Theil des Bodens sah aus, als wenn er mit gefrorenem Wasser und Wasserpfützen überzogen wäre. Dieses Schauspiel gab unser Weg öfter, und eines Morgens konnte ich mich kaum überzeugen, daß ich, statt gefrorenen Wassers, krystallisirtes Salz vor mir hätte. Wie wir aus dem Kessel herausrückten, welch’ Entzücken. Eine ungeheure Ebene, gleich einer Eisdecke, dehnte sich aus, mit einer Lehne gegen Sonnenaufgang, welche die Einbildung zu Seeufern umschuf. Im Nordost spielte die Täuschung mit Palästen einer in großer Ferne liegenden Stadt, und im Norden mit dem Meere. Man durfte dem frohlockenden Herzen kaum offenbaren, daß die Fata Morgana eine Wüste ohne ein einziges Grün sei. In meinem Leben noch nie sah ich eine so vollendete Landebene. Wie sehr ergötzt schon ein kleines, ebenes Gartenbeet; hier aber stelle man sich die stundenlange und stundenbreite Fläche vor. Freilich findet man dergleichen bloß auf kurz angenehm; auf längere Zeit widert die Einförmigkeit an. Wir durchschnitten jetzt andere große Salzebenen, und erst begriff ich die einsamen Schrecknisse der eigentlichen Wüste. Gegen Mitternacht gewann der weiße Salzboden ein so gefälliges Ansehen, daß er an glänzendem Weiß dem Alabaster nicht nachstand. Ein dumpfes Brausen, das ich von der Linken her hörte, blieb mir lange unerklärlich. Den Gruß entsandte das gleichsam hinter der Bühne schwebende Meer; denn von Salzfluthen bot sich nicht eine dem Auge dar. Daß der durchrittene, muschelreiche Boden ein Wassergrund war, leidet keinen Zweifel. Wahrscheinlich breitete sich hier der Sirbonis lacus (Sirbu) aus, der einst 150 Meilen im Umfange hielt und zur Zeit des Plinius nur ein mäßiger Sumpf mehr war. Von der alten Stadt Ostracine (Straki) erblickte ich keine Spur.

Die Poststazion war überaus groß. Doch langten wir vor Untergang der Sonne in Choanat, dem Ziele unserer heutigen Reise, an. Der Postmeister, ein recht artiger Mann, bewirthete uns mit süßem Trinkwasser aus El-Arysch, womit uns ungemein gedient war. Wir würden Champagner-Wein nicht vorgezogen haben. Auch durften wir uns etwas darauf zu gute thun, daß er uns nicht, gleich andern Reisenden, unter freiem Himmel lagern ließ, sondern gastlich in seine Wohnung aufnahm.

Die Posthütte war für mich nicht ohne Interesse. An ihren Mauern bemerkte ich mehrere Versteinerungen. Der kranke Postmeister verlangte von mir ärztliche Hilfe. Es liegen indessen solche Wünsche so augenscheinlich auf der Hand, daß ich sie in der Folge schwerlich mehr berühren werde.

Freitags den 13. Wintermonat.

Mit Tagesanbruch bestiegen wir die Dromedare; ich wieder meinen alten. Rechts erging sich mein Auge an den Sandbergen. Unter den Füßen starrte Salz und Salz. An manchen Stellen bildete dasselbe weißen Krystall, an andern lag es zerbröckelt, grau und mit Sandkörnern vermengt. Eine Weile lang machte ich allein den Weg in der Wüste. Da schritt ein Beduine daher; bald kam auch ein anderer, und beide grüßten einander. Mir schien die Sache nicht geheuer. Ich machte mich in Gedanken mit einem Angriffe vertraut. Auf Hilfe hätte ich wohl nicht zählen können; in der Wüste wäre jeder Hilferuf umsonst verhallt. Ich erblickte kein anderes Wesen in der weiten Runde, als die zwei Beduinen. Ich ritt theilnahmlos an ihnen vorüber; sie schauten mir einige Augenblicke nach, und dann gingen auch sie ihres Weges. Ein solches Begegniß wäre unter andern Umständen ganz unbedeutend gewesen, und auch unter diesen will ich keineswegs mir einbilden, daß ich in Lebensgefahr gestanden habe. Die übrige Zeit hatte ich den Kameeltreiber zum Gesellschafter, der sich fort und fort in seinem kopfstimmigen Singsang gefiel. Nach einem mehrstündigen Ritte erhob sich endlich am Horizonte zu meiner Freude das Meer, das brausende.

Heute begegneten uns überhaupt nicht selten Menschen und viel beladene Kameele. Am Meeresstrande ging es dann fort bis zu einem mit Grün umgebenen Brunnen, wo ich den Polen mitten unter mehrern Leuten und Thieren einholte; denn da mein Dromedar schlecht trabte, ritt jener rücksichtslos weiter. Menschen, die sich um Andere nicht bekümmern, sollten, zu ihrem eigenen Beßten, eine geraume Zeitlang weder ein vernünftiges Geschöpf sehen, noch hören. Unter den am Brunnen gelagerten Leuten befand sich ein Beduine, auf dessen Luntenflinte man mich aufmerksam machte. Von dieser lachenden, kleinen Au, in deren Umgegend wahrscheinlich das alte Rhinocorura in Idumäa (Edom) oder genauer im Lande der Amalekiter (Beduinen), nach Andern in Egypten lag, waren wir bald bei El-Arysch.

Werfen wir einen Rückblick auf die Reise. Unzweifelhaft gewährt sie ihre eigenthümlichen Reize und Vortheile. Wer möchte in der theilweise kahlen und leblosen Wüste von Gespensterfurcht geplagt werden, weil etwa ein Baumwipfel lispelnd sich neigte, eine alte Eiche knarrte, ein faules Holz schimmerte, eine Maus nagte, ein Holzbock bohrte? Wer möchte sich bangen, daß eine Eule schrie, gleich als wenn unsere alten Mütterchen ohne das Eulengeschrei nicht sterben könnten, und so alt werden mußten, wie der ewige Jude Ahasverus? Und so ungehindert kann man in der Wüste wandeln. Weder einem glänzenden Könige muß man ausweichen, noch von einem lumpigen Bettler wird man angehalten. Wenden wir uns jetzt von der Lichtseite auf die Schattenseite. Wiewohl Person und Eigenthum während der Reise durch die Wüste, so zu sagen, sicher sind, so möchte ich dieselbe nicht geradezu rathen, weil sie in überwiegendem Maße beschwerlich und mehr Unglücksfällen preisgegeben ist. Wer seltene Merkwürdigkeiten schauen will, darf aber Opfer nicht scheuen.