Es verdient Würdigung, daß durch die Wüste Posteinrichtungen bestehen, und daß somit das menschenarme Land gleichsam in den Bereich der Kultur gezogen wurde. Dem schaffenden und durchgreifenden Geiste des Mehemet-Ali müssen wir auch hier Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir dürfen indeß nicht in Vergessenheit bringen, daß die Posteinrichtungen keinen allgemeinen, sondern einen speziellen, keinen bürgerlichen, sondern einen militärischen oder Regierungszweck haben. Der Postillon nimmt keine Pakete an. Die Briefe gehen nicht regelmäßig. Es scheint, daß diejenigen Privaten einer besondern Begünstigung bedürfen, welche der Wohlthat einer ordentlichen Verbindung durch die Post theilhaftig werden wollen.

Uebrigens sind Kameel- oder Dromedarposten nicht das Erdachtniß unserer Zeit. Schon Salomo Schweigger redet von der Kameel- oder Dromedarpost. Zu Rosette, sagt er, hab’ er eines Tages Einen sehen auf der Post reiten „auff einem Cameel“ oder „Dromedar.“

Unsere Reise dauerte fünf Tage und fünf Nächte. Wir brachen in der Regel sehr frühzeitig bei Nacht auf, lagerten und ruheten am Morgen und Abend, im letztern Falle bis über Mitternacht. Wir legten ebenso in der Regel täglich zwei Posten, nur einmal drei zurück, so daß im Ganzen von Kairo bis El-Arysch elf Stazionen gezählt werden. Mit Wassermangel würde man sich im Grunde vergeblich martern, weil das Wasser auf allen Posten genießbar ist, und von den Leuten daselbst wirklich genossen wird. Wir haben freilich lieber einigen Wassermangel gelitten, als mit salzigem Wasser unsern Durst gänzlich gestillt.

Die Witterung war während der Reise schön, die Nächte vom Monde beleuchtet, die Mittagshitze auf dem Thiere leicht erträglich, und nur an ein paar Morgenstunden verspürte ich strengere Kühle. Es ist gut, wenn man sich gegen die Morgenkühle durch Kleider wohl verwahrt. Das Bedürfniß dem Auge ringsum sich anschließender Steppenbrillen gegen den Sandstaub fühlte ich niemals bei der Windstille oder bei dem sehr leisen Winde, die während meiner Reise herrschten, so angelegentlich man mir jene, als etwas Unentbehrliches, in Kairo empfahl.

Statt mit Freudigkeit, erblickte ich die auf einem Sandhügel einsam stehende, niedrige Moschee von El-Arysch eher mit Mißmuth; denn hier wartete auf uns die Quarantäne. Zelt an Zelt, Leute, Kameele, Esel bezeichneten im bunten Neben- und Durcheinander die Gesundheitsanstalt. Wir schauten nach einem Zeltplatze. Eben gefiel uns einer, als es hieß, daß heute dort drei Personen an der Cholera starben. Unter solchen Umständen suchten wir uns, so viel als möglich, abzusondern, und wir schlugen unser Zelt an einem erhabenen Orte, mit der Aussicht auf das Meer und die Wüste, auf das Gebirge des steinigen Arabiens in der Ferne, und auf die in der nahen Vertiefung liegenden Zelte eines Bei, mit Namen Mustafa, eines Gardeobersten. An das Zeltleben noch nicht gewöhnt, sollte ich zwölf Tage hier verbringen, ein Gedanke, der wie Blei auf mein Herz drückte.

Mir that es leid, mit dem Oberaufseher der Quarantäne gleich Anfangs mich zu zerwerfen, als er uns auf einer günstig gelegenen Stelle nicht sitzen lassen wollte. Ich machte ihm vorstellig, daß es unsere Pflicht sei, für die Gesundheit beßtens zu sorgen, daß keine Regierung, welche für die Menschheit mit Achtung durchdrungen sei, uns die Besetzung eines Lagerplatzes von Krankheiten zumuthen könne, und daß, wenn man meinem Wunsche nicht willfahre, mir in Aussicht gestellt sei, die Anstalt nach Verdienen in Europa bekannt zu machen. Dieser Worte Stachel empfand der Mann so lebhaft, daß er einige Schritte vorwärts ging und dann bemerkte: „Ich schicke Sie zurück, wenn — —“ Er wurde endlich nachgiebig, indem er uns an dem ausgewählten Orte das Zelt aufrichten ließ, worauf ich nun gerne schwieg.

Die Quarantäne in El-Arysch.

Gefängniß unter dem Zelte; Regen; Mangel und Ueberfluß; Koch und Küche; Schreibpult und Schreibsand; Macht der Gewohnheit; Mustafa-Bei und seine Frauen; Minnesinger; ein freies Wort über die Einrichtung der Quarantäne.

Der Oberaufseher der Anstalt war aus Livorno gebürtig und von Beruf ein Apotheker. Er schien ein guter Mann zu seyn; auch ließ er sich später mit uns recht freundlich an. Ich vernahm aus seinem Munde kein einziges wissenschaftliches Wort. Wenn ich fragte, welche Krankheiten in diesem Dorfe endemisch herrschen, wie die Sterblichkeit sich verhalte, ob die Cholera in der Nähe oder Umgegend seuche u. s. f., so erwiederte er selbstzufrieden mit nichtssagenden Empfindungswörtern. Oefter wiederholte er den Schmatzlaut, dessen sich der Araber bedient, um sein la (nein) zu ersetzen. Kenntnisse sind keine Last, nur ihr Erwerb ist schwer. Es würden weit mehr Menschen ernster nach jenen streben, wenn sie nur, ohne eine Dornenbahn zu betreten, dazu gelangen könnten. So wenig hassen sie, selbst unwissendere und unthätigere, die Kenntnisse, daß sie vielmehr solche häufig genug an Andern beneiden. Es ist übrigens eine über Geisteshoheit und Gemüthsglück Gedanken mächtig anregende Eigenthümlichkeit, daß wissenschaftlicher Indifferentismus oder Liebe zum Leeren und Leichten manchmal aus nicht minder heiterem Auge strahlen, als große Schocke von Wissen.

In Begleitung eines Arztes oder Halbarztes aus der Abusabler-Schule[29] und eines Effendi Dragoman kam der Direktor zu Pferde in der Regel täglich zweimal, am Morgen und Nachmittage, bloß um nachzusehen, ob die Zahl vollständig sei. Als wir, ein Trupp von fünf Männern, anlangten, ließ er den Namen mehr nicht, als eines Einzigen aufschreiben; man erkundigte sich nicht einmal, woher wir kämen. Nach dem Gepäcke ward so wenig gefragt, als dieses untersucht. Mein Reisegefährte, der polnische Kapitän, schüttelte den Direktor scherzend an den Schultern. Ein benachbarter, kontumazirender Türke, der mehrere Tage nach uns eintrat, hieß, in der Lust, einen unserer Dromedare zu kaufen, seinen Bedienten das Thier reiten. Ich möchte das merkwürdige Schauspiel des Wettrennens auf den Dromedaren im Lazarethe jedem Europäer gegönnt haben. — Einmal ging ein Knecht des Mustafa-Bei ohne Erlaubniß, die Esel auszutreiben. Er wurde dafür mit Stockschlägen bestraft. Ich kann dies so weit bezeugen, daß ich selbst den Schatten des fliegenden Prügels hätte wahrnehmen können, wäre ich darauf aufmerksam gewesen. Der Bei selbst stattete uns einmal einen Besuch ab. Tages vorher pfiff eine Kugel über unsere Köpfe und sank ermattet einige Schritte von uns in den Sand. Ich richtete meinen Blick umher und erkannte den Bei als Thäter. Er wollte eben persönlich sich damit entschuldigen, daß er bloß nach dem Meere geschossen habe, um die Flinte von der Ladung zu befreien; und der Mann, der bei einem Franken wegen eines Schusses sich entschuldigte, ist ein Türke. Es traf sich gerade zu, daß der Direktor in die Quarantäne ritt, als der Bei bei uns weilte. Er fuhr diesen barsch an, daß er die Gesundheitslinie überschreite. Kennst du den Befehl der Regierung nicht? fragte er ihn. Wenn man erwägt, wie oft die Quarantäneordnung, um den mildesten Ausdruck zu wählen, verletzt wird, so muß eine solche einseitige Strenge als lächerlich oder gar als eine Kinderposse erscheinen. Strenge kann immerhin ihren beredten Anwalt bekommen, wenn ihre Nothwendigkeit und Nützlichkeit über den Zweifel hinausliegen; es glättet sich um so mehr ihr rauhes Aeußere ab, je gleichmäßiger und gerechter sie in allen Theilen gehandhabt und je Größeres und Edleres ihr zum Lohne wird. An der Anstalt befinden sich mehrere Marketender. Der eine ließ das Geld eher in den Sand werfen, bis er es annahm; der andere ergriff es aus dem Wasser, wenigstens vor den Augen des Direktors; der dritte steckte das Geld ohne Zeremonie ein, je mehr je lieber. Die Marketender setzen sich keineswegs außer alle Berührung mit den Kontumazirenden. Ich nehme keinen Anstand, die Behauptung aufzustellen, daß von ihnen eine ansteckende Krankheit verschleppt würde.