Wüste und Meer sind Gottes Mauern, welche die Quarantäne umringen. Ohne Aufsicht, doch mit Erlaubniß, begaben sich der Kapitän und ein Türke, jener Kafaß (Polizeidiener), der durch einen Theil der Wüste in unserer Gesellschaft reisete, ans Meer, um sich darin zu baden. Zum Spazieren lag weiter Raum offen. Die Kameelführer trieben ihre Thiere zur Weidung in die Steppe. Nachts konnte man unschwer einen Abstecher ins Dorf machen, von wo man auch Besuche erhielt. Man war sicher, daß von den trägen Quarantäneaufsehern die Leute der Anstalt zur Nachtzeit nie überrascht wurden.

Auf der Wanderung durch die Wüste wiegte ich mich in der süßen Hoffnung wenigstens auf ein ordentliches Obdach. Kleine Sandhügel mit den Vertiefungen dazwischen waren der Quarantäneplatz und Zelte das Wohngebäude. Ich hoffe, daß die Verfasser von Handbüchern die Definizion einer Quarantäneanstalt erweitern, und wen die morgenländische Sitte mit Zaubergewalt an sich zieht, dem möchte ich den Aufenthalt in der El-Aryscher-Quarantäneanstalt empfehlen. Er kann da unter Zelt schlafen, wie unsere Erzväter Abraham, Isaak und Jakob; ihn werden die Kameele höchlich ergötzen, das eine liegend, ein Wiederkauer mit mürrischen Hänglefzen, das andere auf allen Vieren stehend, das dritte auf drei Beinen, weil, um das Thier im Gehen zu hemmen, das vierte aufgebunden wurde; die Esel werden unseren Dilettanten vor Tagesanbruch mit einer Ouvertüre entzücken, gegen welche die sogenannten Meisterwerke Rossini’s nichts, als klägliche Machwerke sind.

Und nun zu unserem Zelte. Ein schmutziges, übelriechendes, löcheriges, kleines Zelt war das ganze Obdach zweier Männer. Ich wußte nicht, ob es den nämlichen Tag, als ich mich unter ihm legte, Leichname gedeckt habe. Ich mußte diesen Gedanken immer plötzlich entfernen, damit er in meinem Gemüthe nicht das Gleichgewicht störe. El-Arysch besitzt einen Reichthum an süßem, gutem Wasser, und die Vorsteher der Anstalt geizen mit ihm, daß sie nicht einmal die Zelte waschen lassen, obschon die Zeit des waschenden Regens nicht vier Monate lang dauert.

Ich richtete mein Bett möglichst gut ein, deckte des Nachts mich ganz, selbst über dem Gesichte, zu, und ich schlief leidlich, ohne zu frieren. Mehrere Tage machte es unter dem Zelte sehr heiß, ja heißer, als in Alexandrien und Kairo. Schwarzes Gewölke drohte einige Tage mit Wasser. Ich hoffte immer, es werde, uns verschonend, sich zerstreuen. Es war vergebene Hoffnung. Der Regen, der so lange nicht mehr in meiner Nähe fiel, netzte unser Zelt und unsere Kleider. Das Schicksal war in der That etwas herbe, und wenn ich es rühmen wollte, so müßte ich der Wahrheit untreu werden. Die Hälfte unserer Quarantänezeit begleitete regnerische Witterung. Doch darf man sich die Sache nicht gar so böse vormalen. Die Witterung beobachtete ihre Nachlässe, und während der letzteren fanden wir leicht Zeit, Zelt und Kleidung zu trocknen. Die Temperatur war über die Regenzeit nicht kalt, vielmehr günstiger, wie vorher, insofern, daß sie weit minder wechselte. Bei wenigen Graden blieb sie Tag und Nacht dieselbe. Ich muß gestehen, daß sie mir vollkommen behagte.

Mit den Marketendern hatten wir mehr, als einmal Schwierigkeiten, da sie die Speisen nicht zu rechter Zeit brachten. Die ersten zwei Tage fühlten wir auf befremdende Weise einigen Nahrungsmangel; denn wir konnten, außer Brot, keine Lebensmittel uns verschaffen. Später hingegen hatten wir eher Nahrungsüberfluß, wenigstens Butter und Schaffleisch, Hühner und Eier, Reis und Brot genug. Dessen konnten sich wohl nicht alle Kontumazirende rühmen. Einen Tag nach unserer Ankunft verlautete es, daß drei Personen starben, — nach der Versicherung des Direktors, an der Cholera. Es wäre möglich, daß diese Personen den Folgen des Hungers oder einer schlechten Ernährung erlagen. Keine Oberaufsicht auf die Lebensmittel haltend, überläßt der Direktor die Kontumazirenden den Launen und Erpressungen der Marketender. Man wäre fast geneigt, vor Gott den Mangel der Anordnung zu beklagen, daß derjenige, welcher am Unglücke Anderer aus Theilnahmlosigkeit Schuld ist, nicht sogleich mitfühlt. Die Fahrlässigkeit des Direktors geht so weit, daß er nicht einmal für eine Apotheke sorgt. Es möchte nun in der Quarantäne erkranken, wer nur wollte, an eine geregelte ärztliche Behandlung dürfte man nicht denken; ein blinder Zufall oder die Kraft der heilenden Natur müßte des Kranken sich erbarmen und ihm die Gesundheit wieder schenken.

Butter, Reis und Fleisch waren unsere Elemente zu schmackhaften Gerichten. Ich kochte selten. Ich war allezeit linkisch ohne die häuslichen Bequemlichkeiten, und mit dem Feueranmachen kam ich bei den wenigen Hilfsmitteln am wenigsten zurecht. Auch unser arabischer Geleitsmann, — ich nenne ihn erst jetzt bei seinem Namen Abu-Tropo, — übertraf mich weitaus in dieser Sache[30]. Wenn er nur ein Glimmchen hatte, so umstreute er es mit Stroh, hielt dieses an den Wind und bald fing es Feuer. Gelang es auf diese Weise nicht, so befächelte er jenes mit seinem breit gestreiften Abba. Dagegen kochte beinahe immer der Kapitän, und zwar verstand er dieses Geschäft vortrefflich. Ueber dem englischen Halbbraten aus unserer Küche im Freien vergaß ich wegen seiner Güte jeden aus einem Gasthofe. Der Holzmangel machte uns mehrere Male guten Rath theuer. Bald krabbelte Abu-Tropo den Dromedarmist zusammen und zündete ihn unter unsern Kochgeschirren an; bald, und das meist, ging er aus, Holz, Stroh oder das staudige Sodagewächs der Steppe zusammenzulesen. Man half sich wohl oder übel, übel zumal dann, wenn der ungezügelte Wind den Regen in das Feuer peitschte. Der Kafaß lebte ein wenig einfacher, als wir. Knetete sein Bedienter den Brotteig in dem dicken und großen Napfe, welchen er auf der Reise mit sich schleppte, so brannte schon ein Haufen Kameelkugeln. Sobald diese in Asche verwandelt waren, legte er den in einen großen Kuchen geformten Teig in die heiße Mistasche. Ein wenig gebacken, und man brach und aß. Mit Zwiebeln, solchen Kuchen, altem arabischen Käse und mit Wasser bereitete sich der Kafaß ein Mahl, welches mein eigensinniger Gaumen verschmähte. Auch wir rösteten einmal, in Ermangelung des Bessern, den Kaffee in der heißen Asche des Dromedarmistes. Schlimmer, als unsere Küche war jedoch das Viktualienmagazin bestellt. Einmal über das andere wurde uns Brot, das dritte Mal eine Keule Fleisch, das vierte Mal ein hübscher Holländer-Käse gestohlen. Durch diese Erfahrung wurden wir zum mindesten etwas vorsichtiger gegen die Raubthiere. Weil Abu-Tropo während der Reise mit zu langen Fingern nach unserm Brote langte, so schöpften wir zuerst auf ihn Verdacht, bis ich in einer Nacht das raubende Thier mit der Beute aus unserm Zelte eilen sah.

Die Zeit vertrieb ich mit Schreiben, Lesen, Kochen, Spazieren und Schlafen. An zehn Tagen setzte ich mein Tagebuch so weit fort, daß ich an jedem Tage beinahe müde ward, und im Ganzen wenig Zeit verlor. Die Noth macht erfinderisch. Ich vermißte mein Federmesser, und ein chirurgisches Bistouri versah seine Dienste. Ich saß auf meine Matratze, nahm das Kissen auf die seitlich gesenkten Kniee, legte das Papier auf diesen Polstertisch und schrieb in solcher Beschränkung recht leicht; ich dachte sogar selten an Unbequemlichkeit, selbst wenn die Regentropfen auf dem Papiere die Tinte neckten. Ich genoß doch des Vortheiles, keinen Mangel an Schreibsand zu leiden; denn nicht nur mein Lager umränderte schöner und feiner Sand, nämlich derjenige der Wüste, sondern selbst aus dem Bette konnte ich ihn fassen, welcher des Nachts sich die ungebetene Mühe gab, zum Ersatze des Stundenrufes mich an die Sandwüste zu erinnern.

Besonders während meines Aufenthaltes in der Quarantäne stellte sich die Wahrheit in lebhaften Farben vor die Seele, wie viel Bedürfnisse und Bequemlichkeiten der Mensch entbehren kann, wenn er nur will oder, so zu sagen, muß. Wie würde ich zu Hause oder in einem Wirthshause gemurrt haben, wenn man mir keinen Tisch zum Schreiben oder keinen Sessel zum Sitzen gebracht hätte? Ohne diese Bequemlichkeit schrieb ich Vieles und, ich darf bei guten Treuen versichern, nicht mehr Undenkwürdigkeiten, als vor dem glatten Tische und auf dem weichen Lehnstuhle. Wenn nur ein Wind unsanft ins Zimmer bläst, wie runzelt man die Stirne? Unser Zelt war so löcherig, daß der Wind oben freiherrlich lustwandelte, ohne sich vor den Kopf zu stoßen, und ich nahm gar keine Notiz mehr von der Wind — beutelei. In dem Brotkuchen, einem schlechten und schweren Gebäcke, fand ich Haare und Spreue. Anderes Brot war nicht zu bekommen, und ich schätzte es so sehr, als unser weißes. Läßt die Köchin ein einziges Haar in die Suppe fallen, man hebt einen Spektakel an, daß die Balken des Hauses sich biegen; welch ein Kapitalverbrechen hat sie begangen; allerwenigstens packt man die Verbrecherin bei den Zöpfen und jagt sie fort. Ich liebe die Reinlichkeit von Hause aus; bei der Unausweichlichkeit aber, im Leben draußen mit unreinen Dingen hin und wieder fürlieb nehmen zu müssen, drängten sich mir manche Widersprüche der Europäer auf. Kann man viel Unreinlicheres ersinnen, als jenes Ekelhafte in ein Tuch auffangen und bei sich aufbewahren? Der Athem eines Andern kann höchst unreine Stoffe ausführen, und wir athmen diese ganz vergnüglich ein. Beinahe jedes Geldstück trägt seinen Schmutz. Wir betasten gleichwohl das Geld und das Brot so oft und oft am gleichen Tage und mit der gleichen Hand, ohne diese zu waschen.

Die Macht der Gewohnheit ist groß, und man denke sich nicht bald etwas so schlimm, an das man sich nicht mit Zeit und Weile ziemlich leicht gewöhnen könnte. Die Gewohnheit macht das Schwere nach und nach leichter, das Harte gelinder, das Bittere süßer. Die Vorstellungen verdüstern das menschliche Leben am meisten. Die Gegenwart erscheint selten so herbe, als das ängstlich wartende Gemüth sie noch unten in der Zukunft zu fühlen glaubt.