Ich hatte eine Empfehlung an den Dr. Tarabra, welcher mich sehr gastfreundlich aufnahm und behandelte. Ich verdanke ihm, außer den Mittheilungen über die Größe der Bevölkerung, noch andere, welchen ich hier zum Theile einen Platz anweisen werde. Die arabischen Weiber empfangen in Gaza sehr leicht; sie gebären ohne Hebammen, selten aber fünf bis sechs Male. Als die Pest ihre Verheerungen anrichtete, mußte Tarabra, in der Eigenschaft eines Physikus der Provinz, alle Todesfälle bewahrheiten, und da fand er das Verhältniß der gestorbenen Kinder zu den gestorbenen Erwachsenen wie 5 zu 1. Dieses Verhältniß beweiset eine schreckliche Sterblichkeit der Kinder, selbst wenn sich dasselbe wie 3 zu 1 umwendet. Am meisten klagte Tarabra über die griechischen Weiber. Durch ihr unsinnig strenges Fasten, welches sich beinahe einzig auf schlecht gekochte Linsen und Oliven beschränke, bedingen sie die Absonderung einer schlechten Milch, welche den Säugling bisweilen nicht zu ernähren vermöge. Er sah sich bewogen, den griechischen Bischof deshalb um Dispensen anzugehen. Die Bewohner von Gaza leiden vorzugsweise an Rheumatismen und Katarrh (nicht aber an Lungenkatarrh). Oft verschlimmern sie letztere Krankheit durch die landesüblichen Bäder. Auch kommt der Scharbock nicht selten vor. Die Araber werfen sich am liebsten in die Arme unwissender Menschen. Eine große Plage anderer Länder, nämlich die Lungenschwindsucht, geißelt die Einwohner von Gaza sehr selten, und hier dürfte vielleicht der Schwindsüchtige mehr Linderung hoffen, als in dem gepriesenen Nizza.
Fortsetzung der Reise nach Jerusalem.
Allee; Um- und Unfall; Ebene Sephela; Aushaltigkeit der Thiere; verführerischer Weg; Nutzen des Hundegebells; Länge des Philisterlandes; Freude über eine fränkische Herberge in Ramle.
Den 27. Wintermonat.
Ich faßte ungerne den Entschluß, das anmuthige Gaza so bald zu verlassen.
In Egypten zauderte ich immer noch mit der Ausführung der Reise nach Asien. Wäre sie unterblieben, ich würde einen unverzeihlichen Unterlassungsfehler begangen haben.
Dr. Tarabra hatte die Güte, Alles für die Abreise zu veranstalten. Die Regierung raffte für den Bedarf der nach Arabien beorderten Truppen alle Kameele zusammen, und ohne die menschenfreundlichen Bemühungen meines Kunstgenossen für die Auswirkung eines Regierungsbefehles würde ich zuversichtlich keines sogleich bekommen haben. Ich nahm in dankbaren Ausdrücken Abschied von meinem Gastfreunde, und schwang mich auf das Kameel; mein ganzes Gepäcke lag neben und unter mir. Einen Schritt vor Gaza wurde ich angehalten. Die Sonne ging immer höher, ohne daß ich um die Ursache des Stillstandes wußte. Es sammelten sich immer mehr Zuschauer um mich herum. Endlich verlor ich — die Geduld. Ich krächzte in der Sprache der Kameeltreiber ch ch, das Kameel fiel auf die Kniee, und ich stieg ab, im Vorhaben, bei Tarabra meine Klage vorzubringen. Im Nu kam mein Treiber auf einem Esel dahergeritten. Wahrscheinlich wollte man durch die Verzögerung ein Geschenk erzwingen, oder der Treiber harrte auf der Lauer, um Zeit zu gewinnen, damit ich heute nicht mehr in Ramle anlange. Kurz, jetzt ging es.
Der Weg zog durch einen Wald alter, in Menge zerklüfteter, in regelmäßigen Reihen stehender Oelbäume. Gaza muß nach dem Zeugnisse unserer Tage ehedem von großer Bedeutung gewesen sein.
Wenn man die ausgetretenen Wege besieht, so träumt man sich hinter Jahrtausende zurück, da auf ihnen der Fuß der Menschen, um nur der alten Kananäer, Philister und Juden zu gedenken, schon wandeln mochte; überschaut man den Boden des Feldes, so wird man seine Güte lobpreisen, daß er ohne Speisung fort und fort mit Ueppigkeit die Früchte hervorbringt.
Beinahe mitten auf dem Wege nach Ramle hatte mein Thier einen kerngesunden Einfall. Um den Reiter los zu werden, fiel es auf die Kniee und legte sich auf die Seite. Ich kroch vom Sattel hinweg. Mit bestaubten Kleidern setzte ich mich sogleich wieder auf das Kameel, welches dann ohne weitere Umfälle den Weg fortsetzte.