Oefter besuchte ich die Schule am Hospizium. Das Zimmer ist ziemlich dunkel und eher enge, aber ein hohes Gewölbe. Vorne, der Thüre gegenüber, hing an der Wand ein Frauenbild. Zur einen Seite desselben las man das mit großen lateinischen Buchstaben geschriebene ROMA und zur andern Carta GO (wahrscheinlich Landkarte). Den Raum schmälerte kein Tisch, außer dem für den Schulmeister; zu beiden Seiten des Zimmers war eine niedrige Wandbank angebracht, auf welcher die Schüler, beiläufig zwanzig, lauter Knaben, unordentlich saßen oder hockten. Sie hatten an der Hand oder auf den Knieen Blätter oder Bücher vor sich, aus denen sie mit schaukelndem Leibe nach einer eigenthümlichen morgenländischen Weise (Melodie) laut schreiend oder leiernd im Takte lasen. Das Geschrei oder Geleier war so wild, daß man weiter nichts hörte, als bisweilen das Klopfen mit einem Stocke. Die Unterrichtsart wurde mir nicht ganz klar. Ich glaube, sie beschränke sich lediglich auf das Lesen und Auswendiglernen. Einmal las ein Schüler in Gegenwart des Lehrers und Meisters, welcher verbessernd nachhalf.

Bei meinem ersten Besuche war der Schulmeister nicht gegenwärtig. Ein älterer Knabe mit übergroßen Stiefeln leitete das Unterrichtsgeschäft. Eine kleine Ruthe schwang er so häufig über die Kinder, als wären sie Reitthiere. Am Schlusse des Unterrichtes stellten sich alle Schüler vor das Frauenbild und hoben einen wilden Gesang an. Ich ging und sagte den neben der Schulstubenthüre gelagerten Weibern einen Gruß, den sie wahrscheinlich nicht verstanden.

Die Schulzucht ist ziemlich roh. Wenn ein Knabe durch seine Fortschritte sich auszeichnet, so wird ihm eine steife Mütze aufgesetzt. Führt er sich schlimm auf, so wird er auf drei Hauptarten gezüchtiget. Man legt ihm das Zerrbild eines Esels um den Hals und nennt ihn Eselführer (muchero). Oder man ertheilt ihm Klappse auf die flache Hand mit einer hölzernen, gestielten, fein durchlöcherten, kleinen, doch derben Scheibe. Ein Knabe schien mir nicht übel und unfleißig in Gegenwart des Schulmeisters zu lesen. Nach hergelesener Aufgabe bekam der Schüler von dem Lehrer ohne weitere Umständlichkeit eine Anzahl Schläge, indem letzterer die Worte hinzusetzte: Così si impara (So lernt man). Oder auch man mißt Fußsohlenstreiche auf. Das Bändigungsmittel dazu war an einem Nagel des Schulzimmers aufgehängt. Es besteht aus einem Knüttel, durch dessen Mitte zwei Oeffnungen in gegenseitiger Entfernung von etwa zwei Handbreiten gebohrt sind. Die Bohrlöcher nehmen einen Strick auf, den aber Knoten hindern, damit er nicht durch dieselben ausschlüpfe. Dieses Mittel wendet man so an: Die Füße der Knaben werden zwischen den Knüttel und den Strick geschoben. Jenen ergreifen zwei Gehilfen, jeder ihn an einem Ende. Jetzt drehen sie den Knüttel um seine Achse, und wickeln den übrigen Theil des Strickes um ihn herum, so lange, bis der Knebel die Knöchel oder Beine zusammenklemmt. Nachdem die Knaben solchergestalt die Beine nicht mehr rühren können, erhalten sie die Tracht Schläge auf die Fußsohlen.

Das Essen wird in der Schule nicht geahndet. Ein Knabe brachte kleine Rettiche, wovon er auch verschenkte. Einem andern trug man etwas Gekochtes zu. Er aß es im Vorzimmer des Schulgewölbes, in welchem eben Schule gehalten wurde.

Die Vergleichung mit dem, was Salomo Schweigger von den Kinderschulen Konstantinopels aus dem sechszehnten Jahrhunderte überliefert, hat zu viel Prickelndes, als daß ich es nicht hier beifügen sollte: Die Kinder, sagt Schweigger, werden nicht in solcher harten Zucht und großen Furcht gehalten, wie die Deutschen, die mit Pochen, Poltern, Schlagen und Stoßen den Kindern alle Lust zum Lernen nehmen. Die Schulmeister strafen zwar die Kinder auch, aber mit Bescheidenheit, und können mit ihnen Geduld haben, welches denn die fürnehmste Tugend an einem Schulmeister ist. Wenn sie die Kinder schlagen, so schmeißen sie dieselben auf die bloßen Schuhsohlen mit einem Stäblein und brauchen die Ruthen nicht, wie bei den Christen bräuchig. Die Knaben haben eine feindselige Gewohnheit, daß sie durch einander das Lesen laut verrichten, davon sie sollten toll werden und einander irre machen. Dabei sitzen sie nicht still, sondern wanken von einer Seite stets auf die andere wie ein Schlafender oder Trunkener.

Damit stimmt aber nicht völlig überein, was die „Hoffhaltung Des Türckhischen Keysers“ (1596) von den Knaben des Serai erzählt: Die Meister und Lehrer haben einen Befelch von dem Türken, daß sie keinen Knaben mehr, als des Tages einmal schlagen und strafen dörfen, und mögen keinem mehr, als zehen Streich mit einer kleinen subtilen Ruthen geben, und wann sie die Jugend mit Ruthen stäupen, geht es also zu: Sie legen den Knaben nach der Länge auf die Erden nieder, stoßen ihm die Füß durch einen Stock oder Bret, welches durchgebohrt, und dazu gemacht, daß sie fest und still liegen müssen. Alsdann geben sie ihm mit der Ruthen unten auf der Sohlen des Fußes zehen Schläge über die Borzachinlein, das ist, kleine Stiefeln, die sie tragen. Nach dem lassen sie ihn wieder aus. Und wo der Meister oder Präzeptor einem mehr, dann zehen Streich gäbe, oder sie ohne des Kaisers Willen und Befelch stäupte oder schlüge, wird ihm alsbald die Hand abgelöst.

Der Gruß.

Im aufgeklärteren Theile der Welt waltet die Mode, daß man beim Gruße als Zeichen der Aufmerksamkeit oder Achtung den Hut oder die Mütze rückt oder, mit einem Worte, das Haupt entblößt. Im Lande der Turbane wäre diese Mode glücklicherweise eine wahre Pein. Es gäbe den Morgenländern, wenn sie ihren Turban oder den zusammengedrehten, in vielen Gängen quer um den Kopf gewundenen Schleier auflösen und wieder umbinden oder auch nur mit den unsteifen Mützen, die er unten umfängt, ab- und aufheben müßten, ebensoviel zu schaffen, als den abendländischen Frauenzimmern, bis ihre zarte Haube über Flechte und Kamm sich gehörig fügt. Es ist übrigens erstaunlich, daß die Frauenzimmer, die doch mit keiner Mütze und mit keinem Hute sich und Andere bekomplimentiren, noch existiren und bei den Männern Gnade finden.

Wenn hier zwei Männer im Freien zusammenkommen, so legen sie sich die rechte Hand auf Mund und Stirne. Sind sie einander nahe, so sagt der Eine, wenn er ein Christ ist: „Gott mit euch“, und der Andere erwiedert: „Gott erhalte euch.“ Des Mohammetaners Gruß aber lautet: „Friede sei mit euch,“ und der Gegengruß: „Mit euch sei Friede.“ So zu grüßen, war früher den Christen verboten. Der Mohammetaner nährte den Wahn, daß die Nazarener nicht würdig wären, über die Lippen die erhabenen Worte fallen zu lassen, welche vom Propheten Mohammet verkündiget worden seien. Wiewohl dieser Gruß unter Mehemet-Ali und Ibrahim geduldet ist, so hören ihn doch die Mohammetaner aus dem Munde der Christen noch jetzt mit Murren.

Stattet ein Christ dem innigen Freunde einen Besuch ab, so umarmen sich beide, und küssen einander einmal die Schultern. Ebenso umarmen sich die Mohammetaner, versetzen aber den Kuß auf die Wangen. Ist man nicht in vorzüglichem Grade befreundet, so bietet man einander schlichtweg die Hände, wobei man eine besondere Rücksicht beobachtet. Es behält nämlich die Person höhern Ranges die Hand oberhalb, so daß der Rücken derselben aufwärts schaut. Stehen beide auf der gleichen Stufe des Ranges, so nehmen die Hände eine senkrechte Stellung neben einander an, daß also weder die eine, noch die andere Hand nach oben kommt. Wenn anders der Gruß die verschiedene Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft ausdrücken soll, so gewinnt in der That die verschiedene Richtung der Hände, zumal die Oberhand und die Unterhand, ungleich mehr Sinnigkeit, als alle Abstufungen beim Entblößen des Kopfes unter den Abendländern.