Um vier Uhr in der Frühe des Montag eröffnen Bräutigam und Braut, jener ein wenig voran, den großen hochzeitlichen Zug nach der Kirche unter dem Jubel von Schalmeien und Tambur und Pauken, selten von Geigen. Der Bräutigam sieht sich in dem Tempel zum ersten Male neben der künftigen Lebensgefährtin; noch aber ist ihr Antlitz dem forschenden Blicke ebenso unzugänglich, als von Anfang der Bekanntschaft oder, besser gesagt, der Unbekanntschaft an. Das ganze Gepränge der römisch-morgenländischen Kirche mag das Seinige beitragen, das Gefühl des Geheimnißvollen und des Ehrwürdigen zu steigern. Fragt der Priester am Altare die Braut um ihren Willen, so verbietet ihr die Schamhaftigkeit, ihn zu benicken. Wie gut ist, daß es in Fällen der Verzweiflung eine Erbarmung auf Erden gibt. Die Gevatterin, deren Wohlthätigkeit erst jetzt sich auf das glänzendste bewährt, leiht den unentbehrlichen Arm der Hilfe; sie steht hinter der Braut und stößt das bräutlich geschmückte Haupt nach vorne, — — nur ja, weil einmal genickt werden muß, sei es aus freien Stücken oder aus Zwang. Williger entschließt sich der Bräutigam zum Jaworte, aber für kein ordentliches Weib, sondern für eine vermummte Gestalt, für ein Larvengesicht. Er erschaut vor sich einen mit einem rothen Schleier bedeckten Kopf und einen in ein weißes Gewand gehüllten Leib; der Reichthum an Gold mag etwa sein Auge blenden: aber kein Auge der Liebe strahlt ihm entgegen, kein Mund der Freude lächelt ihm zu. Ich möchte indessen den bescheidenen Zweifel äußern, daß eine solche beharrliche Strenge der Vermummung oft beobachtet werde. Ich weiß selbst zu erzählen, daß ich, als ich ohne Anmeldung in das Haus des Konsuls Damiani trat, seine Tochter unverschleiert antraf, die sich dann freilich schnell entfernte. Wie ich einmal durch ein Gäßchen spazierte, begegnete ich einem verschleierten Frauenzimmer, welches im Augenblicke, da sie sich von Niemanden bemerkt glaubte, den Schleier auf die Seite schwenkte, um ihr schönes Gesichtchen zu zeigen.
Nach empfangenem Priestersegen ziehen die Neuverlobten ins Haus des Bräutigams, dieser zuerst. Sie und das Gefolge von Gästen genießen dort das Frühstück; reich wird das Hochzeitpaar von den Zeugen der Hochzeitlichkeit mit Worten gesegnet. Schon aber verläßt ein Theil der Gäste die Gesellschaft, es bleiben bloß noch die Verwandten, endlich nur die Frauen. Nun sitzt die Braut auf einem thronartigen Polster in einem besondern Zimmer, in welches die neugierigen Frauen treten. Derlei Dinge schmecken für sie viel zu süß, als daß sie nicht davon kosten sollten. Bis zum Throne der Unsichtbaren machen die Frauen eine Gasse. Schwere Augenblicke harren des Bräutigams. Man muß sich an ihm abmühen, daß er allen Muth zusammenfasse[10]. Da schreitet er mit kochendem Herzen durch die Gasse, und gleichsam in der Wuth streift er den Schleier von einer unschuldigen Jungfrau hinweg. Zum ersten Male erblickt der Ehemann das Antlitz eines jungfräulichen Weibes, dem er für die guten und bösen Tage des Lebens Treue geschworen hat. Mag ihn jetzt die Erwartung betrogen haben, es ist zu spät, er bekümmert sich nur umsonst; wurde seine Hoffnung erfüllt, desto glücklicher für ihn der Wurf des Spiels.
Wie der Schleier der Braut sich lüftet, fliegen alle Schleier der Zuschauerinnen auf die Seite. Es erhebt sich die enthüllte Braut, sie küßt eine Hand des Gemahls, beide lassen sich neben einander auf den Polster nieder und beobachten einige Minuten ein tiefes Stillschweigen, indeß der Bräutigam die Verheißene gleichsam ins Auge verschlingt. Damit endet das Fest für die neugierigen Frauen, welche sofort das Zimmer räumen. Die Verwandten dagegen bleiben bis Mittag, und erst nach dem Mittagsmahle kehren sie in ihre Wohnungen zurück. Jedermann gönnt dem Bräutigam und der Braut, daß sie sich von der schlaflosen Nacht erholen.
Nachdem der Mann seine Frau erkennt hat, thut er sich mit einem weißen und sie mit einem rosenrothen Gewande an.
Auf den siebenten Tag nach der Hochzeit wird der Schlußbesuch in das Haus des Ehegemahls veranstaltet. Die Frauen werden vom älterlichen Hause des neuverlobten Weibes eingeladen; die Männer gehen diesmal uneingeladen. Der Besuch ist den Geschenken für das neue Ehepaar gewidmet. Wenn z. B. die Frau A der Frau B das Geschenk P verehrt hat, und heirathet dann C, die Tochter der A, so gibt B das P zurück. Und kann man nicht mehr das Gleiche zurückerstatten, so zielt man auf ein solches Geschenk ab, welches dem Werthe eines der Familie früher verliehenen möglichst nahe kommt.
Die Schilderung trifft eigentlich die hiesigen eingebornen Christen, in den meisten Theilen aber überhaupt die christlichen Palästiner, in manchen sogar die Mohammetaner.
Das geheimnißreiche Vorgehen in der Heirath kann schwerlich auf den Beifall des Abendländers hoffen. Die Sitte der Verhüllung reihe ich unter die sonderbarsten Dinge, so fest sie eingewurzelt und so alt sie sein mag. Rebekka verhüllte sich zwar vor Isaak (1. Buch Moses 24, 65), doch nicht vor dem Liebhaber. Wenn der strengen Verhüllung, welcher das Mädchen vom reifern Alter bis zur Verheirathung wie einem Gesetze sich unterwirft, ein Lobesspruch gespendet werden soll, so kann man ihr oder doch der Vereinzelung der genau beaufsichtigten Jungfrau nachrühmen, daß Fehltritte beinahe bis zur Unmöglichkeit erschwert werden.
Noch besitzen die Aeltern in Palästina die erzväterliche Gewalt über ihre Kinder bei der Verlobung, wobei letztern der Athem des freien Willens fast gänzlich gehemmt ist. Doch mangelt es aus den Zeiten der Erzväter nicht an Beispielen, welche für eine gelindere Gesinnung sprechen. So fragten die Aeltern der Rebekka in milder Weise, ob sie mit dem Knechte Abrahams ziehen wolle (1. Buch Moses 24, 57 und 58). Zur Schließung des Ehevertrages gehört vor Allen dem Bräutigam und der Braut entscheidende Stimme.