Wir mußten diesmal in einem Kân oder Karawanserai einkehren. Es hatte ein Obdach, war aber von zwei Seiten offen. Auf der einen lag ein korinthischer Knauf. Man trifft in Jenisus überhaupt manche Trümmer, mehr oder minder versehrte Denkmäler des Alterthums. Im Karawanserai befand sich eben der Stadtgouverneur. Die Herankommenden küßten ihm den Saum des Kleides. Er ließ in gastfreundlicher Gesinnung durch seinen Bedienten vorzüglich gute Brote und eine dicke Kräutersuppe uns zureichen, die, von Farbe grün, Kaldaunenstücke und Fleischbröckchen enthielt und mir nicht sonderlich schmeckte. Es war indeß mein Appetit ein wenig verdorben; wir wollten den Rest der Butter in der Quarantäne noch zu Rathe ziehen und buken in derselben Brotkuchen, welche zwar dem Gaumen zusagten, allein dem Magen nicht wohl bekamen. Wir belohnten unsern Gastfreund, nach morgenländischer Sitte, mit Stillschweigen.

Ein Kerl versuchte eine seltsame Betrügerei. Mein Reisegesellschafter schickt ihn, ein Geldstück zu wechseln. Er bringt die Münze, aber nicht vollständig. Vor Zorn wie rasend schilt der Hauptmann den Jungen aus, und schon zuckt er die Peitsche gegen ihn. Er öffnet den Mund und das Fehlende tritt unter der Zunge zum Vorscheine.

Mit Sonnenuntergang legte ich mich und schlief zwar fest ein, aber nicht ruhig fort; denn einmal hörte ich undeutlich, daß ein Mann in einem Streite lärmte, ein anderes Mal beschnüffelte ein Hund mein Bein, und ein drittes Mal kam die Katze, sich einer Beute zu bemächtigen.

Den 26.

Gott sei Dank, die Wüste, die beschwerliche, die armselige, die langweilige, ist am Rücken. Von jetzt an leitet der Weg durch lauter besseres Land, bald gepflügtes, bald Weideland. Die Vögel schienen in ihrem unaufhörlichen Geschwätze über die Gegend so hoch erfreut, als ich. Selbst mein Reisegefährte sang in das Tutti, und gerne hätte ich ihn in einen der nächsten Singvögel verwandeln mögen, so lieblich klang seine Stimme. Das Gepräge des Winters auf ganz dürren, abgestorbenen Pflanzen konnte hin und wieder nicht verkannt werden; hingegen war dazwischen der frisch angeschossene, kurze, feine Grasteppich mit um so größerem Zauber des Lenzes gewoben. Der schönste Frühlingsmorgen bei uns kann den heutigen Wintermorgen gegen Gaza nicht übertreffen. Ueber fließendes Wasser setzten wir nie, nur zweimal über tiefere Bachbetten, wie über dasjenige des Besor, an dessen Mündung ins Mittelmeer das alte Anthedon sich ausbreitete. Von Bethagla, zwischen Anthedon und Jenisus, bemerkte ich nicht eine Spur.

Minarets glänzten gegen Norden in einem grünen Haine; es war Gaza, die Hauptstadt der Philister, die Stadt des Starken, des Samson, welcher, nach der Schrift, ein eisernes Thor auf den Berg getragen hat. Wir durften nicht mehr weit, und dann einzig noch an der Menge von stämmigen Kaktus vorbei, und wir ritten durch ein enges Thor in die Stadt. Der Hauptmann begab sich in seine Herberge, und jetzt war der Augenblick der Trennung da, nachdem wir mit einander drittehalb Wochen verlebt hatten.

Nun ein Wort über den Reisegefährten. Eine solche persönliche Seltsamkeit lernte ich noch niemals kennen, und darum lohnt es der Mühe, von ihm einen Umriß zu liefern. Er ist aus Galizien und von Adel. Ich weiß seinen Namen recht gut; ich will ihn aber verschweigen und vergessen. Zuerst Kämpfer als Hauptmann in den Reihen der polnischen Umwälzer, entfloh er dann nach Frankreich und schloß sich der Schaar Polen an, welche aus dem „neuen Vaterlande“ in die Schweiz einbrach. Er wußte sich später Mittel zu verschaffen, um von Marseille auf einem französischen Kriegsschiffe nach Egypten zu kommen. Hier trat er in Kriegsdienst unter dem Feldherrn Abraham (Ibrahim-Pascha) als Kavallerieinstruktor.

Ein Selbstling im wahrsten Sinne des Wortes, sucht er immer seine eigenen Zwecke. Er schmeichelt den Großen und verachtet die Kleinen, damit die einen ihn befördern, und weil die andern ihm nichts nützen. Er wählte sich überall das Beßte aus, so immer den beßten Dromedar, den bequemsten Sattel, die leichteste Ladung, die schmackhafteste Speise u. s. f., um das Uebrige mir zu überlassen. Wenn ich mich über das Reiten beklagte, so tadelte er mich, daß ich nicht reiten könne, und dennoch hielt ich, bei meinem kräftigern Körperbau, das Reiten besser aus, als dieser Rittmeister.

Dabei hegt der Hauptmann wenig Liebe für Wahrheit. Was er erzählte, mußte ich auf der Goldwage prüfen. Auf einer Lüge ertappt, hatte er natürlich Recht, und würde gern in Schimpfungen auf mich losgebrochen sein. Sonst besaß er eine Fülle von Lebensgewandtheit, und im Bezahlen war er redlich; nie belog er mich in Geldangelegenheiten.