Weil mir die Kenntniß der arabischen Sprache abging, so leistete er mir unläugbar wesentliche Dienste, und er übernahm in der Kontumazanstalt fast das ganze Geschäft der Küche, indeß ich ruhig unter Zelt schrieb, und am Ende lüstern in das gute Gericht biß. Mich tyrannisirte übrigens noch kein Mensch so eigentlich, wie dieser polnische Freiheitsmann. Meine Lage fing sich erst zu bessern an, als ich mit dem Oberaufseher der Quarantäne auf freundlicherem Fuße stand und dem Hauptmanne erklärte, daß ich nun sorgenlos sei; denn auch im Nothfalle könnte ich recht gut weiter kommen, weil jener für meine Kameele sorgen würde. Er sah seine Entbehrlichkeit jetzt selbst ein. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, dieser Schwerpunkt des geistigen und sittlichen Menschen, hängt an einem dünnen Faden, dessen Riß uns, wo nicht augenblicklich, doch in seinen Folgen wehe thut.
Ich kann nicht umhin, noch zwei Dinge zu erwähnen. Zu Choanat wurde der Reisegefährte von einer Krankheit heftig überfallen. Ich stand ihm mit Rath und That bei, ich brachte ihm Reis u. dgl. Tags darauf befand er sich wieder wohl. Der Dank war, daß er für meinen schlechten Dromedar keine Geduld wußte. Einmal wollte ich absteigen, um ein Stückchen Natursalz aufzuheben und mitzunehmen. Da regnete es zentnerschwere Vorwürfe über Tändelwaare u. s. f. Es gibt Menschen, welche die Sterne am Himmel gleichgültiger beschauen, als messingene Knöpfe an einem Rocke.
Der Kapitän, mag er auch immer seiner sorgfältigen höhern Bildung und seinem Adel keinen geringen Werth beilegen, ist ein Auswurf des Menschengeschlechts. An der Spitze eines Volkes wäre er spröde, ohne Mitleiden, ein Wütherich. Er hatte indeß, wie andere Tyrannenseelen, bewegte Zeitpunkte, da das Herz aufthaute; er würde sich dann, der männlichen Würde uneingedenk, wie ein Kind hingegeben haben. Er wäre unzweifelhaft Muselmann; allein er muß es fühlen, daß der kindliche Schmelz seines Gemüthes, in gewissen Augenblicken, nach der Abschwörung des Glaubens ihm das Herz zum Bruche drängte.
Am Ende der Reise bat der Gefährte mich um Verzeihung, wenn er mich etwa beleidigt haben sollte. Ich achte einen solchen Zug, und doch empfand ich ein wahres Vergnügen bei der Scheidung von einem solchen Menschen, dessen Gesellschaft eine Qual und Pein war, und zwar eine um so größere in der Wüste und in einer spottschlechten Quarantäne.
Ehe ich Gaza näher beleuchte, schicke ich einige einleitende Bemerkungen über Syrien nach seinen topographischen Eigenthümlichkeiten, sowie über die Leute, die es bewohnen, nach den Verschiedenheiten ihrer religiösen Grundansichten voraus. Zuerst
Einige geographische Bemerkungen über Syrien.
Das eigentliche Syrien gränzt im Norden an Kleinasien, im Westen ans Mittelmeer, im Süden an Egypten und im Osten an Arabien, also, daß es mit letzterem umfangsreichen Lande gleichsam eine große Insel bildet, welche vom mittelländischen und rothen Meere, dem Ozean, dem persischen Meerbusen und dem Euphrat umspült wird.
Syrien sticht mehr oder minder schroff ab gegen das Egyptenland, nehme man die Einwohner, den Himmelsstrich oder das Erdreich in Anschlag. Egypten hat einen flachen Boden, der ein Thal mit einem der größten Ströme unseres Erdenrundes vorstellt; Syrien dagegen wird von einer Menge Thäler durchschnitten, woneben Hügel und Berge, am Maßstabe fünf Sechstheile, sich erheben. Eine Gebirgskette zieht durch ganz Syrien, Schritt für Schritt mit der Küste des Mittelmeeres, nur einige Wegstunden davon. Der Libanon (der Weiße) und ihm gegenüber der Antilibanon, der Thabor und der Karmel, der Oelberg und der Hebron, wem sind diese Kuppen des Gebirges nicht bekannt? Der Orontes und der Jordan (el-Arden), die Hauptflüsse Syriens, entspringen auf dem Antilibanon. Denn der und der Libanon schürzen den Knoten des ganzen Gebirges. Von da fließt der Orontes gegen Mitternacht; ihm zur Linken Berg an Berg, zur Rechten theilweise Arabien. So wälzt er seine Gewässer über siebenzig Wegstunden fort und schüttet es in die See, nahe an der Bucht von Antiochien. Der Jordan entquillt keine zwanzig Wegstunden vom Orontes, richtet sich von Mitternacht gegen Mittag und verliert sich im todten Meere oder asphaltischen See (Birket-Luth), welcher von den Jordanquellen bei vierzig Wegstunden abliegt.
In manchen Gegenden von Syrien regnet es ungefähr wie in heißern Gegenden Europas. Das Klima ist im Ganzen sehr gesund. Viele Lagen des Landes sind reizend. In Menge gibt es Berge und Thäler mit zahlreichen Weiden, worauf große Viehherden sich nähren. Man sieht Bäume gar verschiedener Art, vor allem viel Oelbäume. Die christlichen Dorfbewohner, auch die Drusen bereiten vorzüglichen Wein.