Der Maure aus Algier, ein Hadschi (Mekkapilger), mit einem gemeinen Gesichtsausdrucke, einem langen Barte und einem Turban, ließ keinen edlern Zug seiner überaus lockeren Seele durchblicken. Er plauderte zum Arabischen das Wenige fränkisch, womit er zwischen Demetrius und mir kümmerlich den Dolmetscher spielte. Während unserer Fahrt von Jaffa nach Rhodos endete der mohammetanische Fastenmonat; allein dieser Anhänger des Islam nahm es nicht sehr genau, und er aß manchmal Kleinigkeiten bei Tage während der Fastenzeit. In Jaffa verletzten auch andere Mohammetaner vor meinen Augen das Fastengebot. Der Hadschi trank Wein und Branntewein. Dem Kleinhandel obliegend, kaufte er in Jerusalem Rosenkränze, um sie in Konstantinopel zu verkaufen. Es ist überhaupt bei den Morgenländern Sitte, die selbst von den protestantischen Franken nachgeahmt wurde, mit einem Rosenkranze müßige Stunden zu vertreiben, indem sie eine Perle nach der andern von ihrer Stelle verschieben. Wenn die Leute des Niederganges bei ihren Besuchen nicht selten kaum wissen, welche schickliche Haltung sie ihren Händen geben sollen, um so weniger verlegen ist der Morgenländer, welcher mit Bequemlichkeit auf dem Diwane hockt, und mit den Händen anständig den Rosenkranz durchtändelt. Der Algierer hatte, als französischer Unterthan, einen französischen Paß bei sich. Er schien die Franzosen zu hassen. In Alexandrien besuchte er seinen alten Fürsten, den Dei.
Der Jude, ein Konstantinopler und Rentner, begleitete seine Frau nach Jerusalem, um in der heiligen Gegend mit ihr die Tage des Lebens zu beschließen. Sie starb ihm weg, und darum war er auf der Rückreise nach Konstantinopel begriffen, um vielleicht für den schmerzlichen Verlust der alten Geliebten bei einer jungen — Trost zu schöpfen. Viele Israeliten folgen bekanntlich einem religiösen Berufe, sich in der alten Königsstadt anzusiedeln, wenn sie sich bis zu einem gewissen Grade von ökonomischer Unabhängigkeit emporgearbeitet haben. Der Mann war hochbetagt und grau. Ich gewahrte an ihm keine einzige Untugend; nur war er schmutzig und voll Ungeziefer, das selbst seinen ehrwürdigen Bart zu einem Parke für die komischen Jagden mit der Brille — auserkohr. Die schönen Gesichtszüge und das ganze Benehmen, mit Vorbehalt einiger seltsamen Liebhabereien, gewannen dem Greise Zuneigung und Vertrauen. Das Beten verstand er aus dem Fundamente. Während des Gebetes konnte er sich die Kaffeeporzion zutheilen und andere Arbeiten unter fast krampfhaften Zuckungen der Lippen verrichten. Seine Augen strahlten hinauf zu Jehova demüthig aus den Lumpen, in die er sich genistet hatte, und aus den, irgendwo mit einem Tuchanschrote zugeschnürten Lumpensäcken, die ihn umschanzten. Das Schallah (wenn es Gott gefällt, so Gottes Wille) wiederholte er oft und kräftig im Flusse der Rede. Von fröhlichem Gemüthe, stimmte unser Konstantinopler bisweilen ein Lied oder gar die „Cara Cascatella“ an. Und siehe, da tanzte er einmal mit seinen krummen, vor Alter unwilligen Beinen, mit seinem gebogenen, steifen Rücken und mit seinen Eisschollen am Kinne. Man hätte dabei herzlich lachen müssen, wenn man selbst von keinem kleineren Unmuthe gebeugt gewesen wäre, als bei Hans Sachs die Bäurin wegen der saubern Wirthschaft ihres tölpischen Mannes:
Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt,
Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt,
Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.
Die Regungen der Freude sind verschieden und groß bei Jung und Alt. Tanzte doch David aus allen Kräften und jauchzend, als er die Bundeslade holte.
Nachdem ich einige Zeit in Mitte der Mohammetaner gelebt hatte, war die Gelegenheit mir recht erwünscht, die griechischen Christen in der Nähe ein wenig kennen zu lernen. Morgends und Abends zog der Schiffsjunge (Friandol) mit einem brennenden Weihrauchfasse von Mann zu Mann, und an dem emporwirbelnden, angenehmen Rauche bekreuzte man sich gar vielmal und schnell über einander, unter leisem und kurzem Gebete. Damit der Weihrauch ja nicht verfehle, wehte man ihn mit der Hand gegen das Gesicht. Der Koch war eine drollige Fettmasse auf Kosten Anderer, und ein Muster von kleiner Spitzbüberei. Das Fleisch kochte er gleichsam zu dürren Holzfasern aus, damit er die Brühe schlürfen könne. Glücklich trat ein griechischer Fasttag ein, da mir doch eine natürliche Suppe bereitet ward. Das erste Mal zwackte der Koch mir Reis. Beim zweiten Male, als er ein größeres Quantum wollte, erklärte ich ihm, ich kenne das Reiskochen zu gut, als daß er mehr benöthige. Wie er dann einsah, daß er mich nicht belugsen könne, meinte er: Etwas für die Herren in dem Zimmer des Hauptmanns. O nein, antwortete ich. Aber etwas für den Koch. Da war es ausgeplappert. Sogar Pappenstiele, wie diese, welche beinahe nicht die Tinte werth sind, können ins Innere des Menschen zeigen.
Montags den 18. Jenner.
Erwacht, aufgestanden, und die Stadt Rhodos schwebte im Schleier der Morgendämmerung vor den Blicken. Mit Ungeduld wollte ich denselben lüften; doch bald entschwand er von selbst, und deutlich erschienen die Umrisse der Stadt. Auf eine niedrige Anhöhe gepflanzt, fiel sie lieblich ins Auge. Neben dem freudigen Grün der Wiesen, welche die Stadt halb umkränzen, streben die düsteren Festungsthürme empor. Wir ließen die Quarantäneanstalt, ein schloßartiges Gebäude, rechter Hand, und legten im östlichen Hafen an; ein Tannicht von Masten deutete auf den westlichen.
Billig konnte ich nicht ans Land steigen — ohne Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen die alten Hellenen, welche, der Ruhm des Menschengeschlechtes, Denkmäler eines so nützlichen und edeln Daseins aufrichteten; hier insbesondere pries ich die Kolosser.