Rhodos.
Lage, Himmel, Volkszahl.
Diese einst der Sonne geweihte Insel der Rosen, nach Kandia die größte des griechischen Archipels und die berühmteste der Sporaden, erstreckt sich von Nordwest nach Südost in die Länge, und erhebt den Atabyris (Artamit) zum höchsten Berge. Die Fruchtbarkeit des Eilandes auf dem glücklichen Erdstriche sucht Ihresgleichen. Der Himmel in Syrakus und Rhodos, rühmte schon Plinius, wird nie so bewölkt, daß die Sonne nicht an einer Stunde des Tages herabblicke. In die Sommerhitze fächeln unermüdliche Winde angenehme Kühlung, und milde fließt der Winter dahin. Der gegenwärtige aber war ein wenig strenger: selbst das Wasser wurde von Eis überschossen, was freilich mit außerordentlicher Seltenheit sich ereignet. Jedoch begrüßten mich auf einem Spaziergange im Freien die Auen im schweizerischen Maiengewande. In Jaffa, wo zwar die Blöker auch in der kältesten Zeit graseten, ward das Grün durch den Frost ein wenig erschreckt und bleich. Hier, vier Grade weiter gegen Norden, scheint es minder gelitten zu haben.
Die Bewohner des Eilandes theilen sich, wie der Sohn des österreichischen Konsuls in Rhodos, des Herrn Josef Anton Giulianich, mir bezeugte, in beiläufig 26,000 Griechen, 11,000 Türken und 2000 Juden. Gering sind an der Zahl die Lateiner, noch viel geringer die Protestanten. Man darf gar nicht zweifeln, daß die Insel eine weit größere Bevölkerung ertragen würde, wäre der Boden besser angebaut. Sie wird von einem türkischen Pascha regiert. Griechen beklagen den jetzigen als einen Wütherich.
Die Stadt Rhodos.
Kaum war ich angelandet, als ich einen Scioten traf, der mir in einem Athem seine Schicksale, seine Leiden schilderte. Leidensgefährten leihen einander gerne das Ohr. Er erzählte, daß er, den 5. Christmonat des vergangenen Jahres von Beirut abgereist, wegen der entsetzlichen Stürme erst vor acht Tagen hier anlangte. So schlimm diese Nachricht an und für sich lautete, so sehr durfte ich nun froh sein, daß ich über das böse Wetter in Jaffa verblieb. Ich war doch auf festem Boden und unter trockenem Obdache, und, wenn man so sagen will, auch bei trockenen Mönchen.
Rhodos sprach mich sogleich freundlich an. Ich brachte Gott meinen Dank dar, daß ich den häßlichen Städten Palästinens entronnen war. Die Stadt nebst den einen Büchsenschuß abliegenden, städtisch gebauten Dörfern ist von nicht ganz unbedeutender Größe, und steht dem Umfange nach dem schweizerischen St. Gallen nicht nach.
Die Häuser, mit meistens platten Dächern, sind ziemlich hoch, ihre Mauern gerade, davon manche mit Kalk übertüncht. Die Vorderseite vieler Wohnungen, gleich über den Pforten, schmücken die Wappen der alten Johanniter. Man freut sich hier ordentlich wieder der Glasfenster, von denen Wohnlichkeit entgegenglänzt. Die Kamine ragen als kleine Thürmchen hinauf, die eine Pyramidenspitze und auf dieser etwas Spießartiges tragen. Mehr, als neun runde, dünne Moscheethürme steigen empor, und, Abends beleuchtet, goßen sie goldene Säulen über den schwarzen Wasserspiegel des Hafens bis zum — vergangenen Riesenbilde.
Anmerkung. Bekanntlich soll als eines von den sieben Wundern der alten Welt eine eherne Riesensäule des Helios Phöbus am Eingange des Hafens gestanden und als Leuchtthurm gedient haben. Dieser Koloß, woher die Rhodier Kolosser genannt wurden, war nach Plinius siebenzig, nach Andern achtzig Ellen hoch; allein sechsundfünfzig Jahre nach der Aufstellung des Riesen stürzte der Stolz menschlicher Unternehmungen durch ein Erdbeben zusammen. So baut der Mensch mit Zuversicht in die Gegenwart, damit die Nachwelt staune, doch weniger über seine größten Werke, als vielmehr über das Wunder, womit eine andere Hand, als die seinige die Zukunft leitet. Noch die Trümmer wurden bewundert. Wenige vermochten den Daumen des Riesenbildes mit den Armen zu umspannen. Die Trümmer blieben bis zum Jahre 656 n. Chr., da sie an einen jüdischen Handelsmann verkauft wurden, welcher damit neunhundert Kameele belud.