Vor dem Bahnhof waren grüne Anlagen, in die man beim Einfahren hineinsah. Und ganz plötzlich kam bei diesem Anblick die wunderliche Vorstellung einer Heimkehr über Esther. Sie fühlte einen Augenblick lang diese Ankunft im fremden Land wie eine Wiederkehr zu alt vertrauter Umgebung. Ja, sie glaubte sogar die Wege schon zu kennen, die hinter den verdeckenden Bäumen in die Stadt hineinführen mußten.

Sie stieg aus und wurde von fremden Menschen empfangen, und ging doch lange noch wie von einem Traum verwirrt.


Esther verstand reichlich wenig von der Tischunterhaltung, obschon ihre Mutter eine Dänin gewesen und früher zuweilen mit den Kindern in ihrer Muttersprache geredet hatte. – Es war so ein großer lärmender Kreis, und es lag wie Kinderlust über den Menschen, eine Atmosphäre der Harmlosigkeit und leichtesten Lebensfreude, die Esther nicht sogleich aufzufassen vermochte. Doch das alles kam ihrem Herzen nahe.

Da gab es noch fünf Gäste außer ihr, und sie alle waren mit einer schier unglaublichen Eß- und Lachlust angethan.

Neben Esther saß Louise, die Tochter des Hauses. Sie hatte einen feinen, leicht vorgebeugten Nacken und eine liebliche Art, sich zu bewegen. – Esther sah immer wieder zu ihr hin, und dann war es, als ob eine ganz leise Melodie zwischen ihnen anhebe – durch all den frohen Lärm hindurch eine ganz heimliche, einsame Melodie der Harmonie. – – – –

Esther wachte auf und hörte Musik.

Es war ganz ruhig im Haus und schon dämmerig. Sie erinnerte sich, nach Tisch auf ihrem Bett eingeschlafen zu sein.

Ein feiner, klagender Singsang erfüllte die Stille, und sie besann sich vergeblich, von welchem Instrument der wohl herrühren mochte.

Dann ging sie den Klängen nach: durch den dämmerigen Hausflur, eine Treppe hinauf und zu einer angelehnten Thür hinein. Da stand sie nun in einem Zimmer voll altväterischer Möbel, zwischen denen ein Spinett, an dem Louise saß und spielte.