Herr Bergsö ging mit der vierzehnjährigen Tule Arm in Arm, denn sie waren sehr gute Freunde.

Hinter Frau Olga jedoch kauerte die zarte, stets von Bewunderung erfüllte Fräulein Missus. Sie war Olgas Lehrerin gewesen und besuchte diese nun in jedem Sommer, um ganz im Innern ihrer kleinen zerknirschten Gouvernantenseele wahre Orgien der Bewunderung für ihre frühere Schülerin zu feiern. Alexandra erzählte in Bezug auf sie die sehr seltsame Geschichte, daß sie, Alexandra, einmal zu noch morgendlicher Stunde am Fenster von Fräulein Missus' Stube vorbeigegangen sei. Zu ihrem großen Entsetzen hätte aber auf dem Kopfkissen des Fräuleins, statt deren wohlfrisiertem Haupt, nur ein großes, nacktes, gelbliches Ei gelegen. – Diese denkwürdige Historie reizte fortan die jüngeren Bewohner des Hauses Bergsö zu morgendlichen Spaziergängen vor den nunmehr hoffnungslos verhängten Fenstern des armen Fräuleins. –

»Für jeden sind zwei ›Boller‹ mitgebracht und Brot so viel ihr wollt,« erklärte Olga ihren Gästen.

Und die Gäste griffen gehorsam zu, um sich ihr Anrecht auf die beiden zudiktierten Boller zu sichern. – –

Nun gab es nur noch einen kurzen Weg, und ganz unvermutet sah man »Eriksgaard« in einer kleinen Senkung liegen.

Man trat aus der wehenden Haide ganz unversehens in das Schweigen eines sommerlichen Blumengartens ein. Hohe, grüne Mauern ließen hier den Wind verstummen. Und mitten auf dem Rasenplatz wiegte sich in üppigster Schönheit eine große rote Rose. – »Sie heißt Camille de Rohan,« sagte Herr Adam Rude zu seinen Gästen.

In dem weiten, steifmöblierten Saal des Hauses hatte Eliza Rude den Tisch gedeckt und die übliche Chokolade aufgetragen.

»Eliza ist meine kleine Hausmutter,« sagte der alte Rude. Und das schlanke Kind mit den etwas zu weit auseinanderliegenden breiten Augen und dem keuschen Madonnenkinn lächelte in beginnender Koketterie. Sie nahm die Art einer Dame an und bat die Gäste würdevoll, einzutreten.

Für »das deutsche Fräulein« hatte Eliza eine große und plötzliche Liebe gefaßt. Jene auf unfehlbarem Instinkt beruhende Leidenschaft der Seele, wie sie heranwachsende Menschen oft zu Personen des eigenen Geschlechtes überkommt. Ein Gefühl, das weder unter dem Begriff »Liebe« noch »Freundschaft« steht, vielmehr eine unendlich verfeinerte Essenz dieser beiden Empfindungen darstellt. Man könnte denken, es sei eben nur ein Vorrecht der ganz reinen Seelen, weil die vernünftigen und gereiften Menschen nur mit dem vernünftigen und gereiften Spott darauf herabzulächeln pflegen, den sie für alle hohen, der baren Nutzbarkeit entfremdeten Dinge bereit halten. –

Eliza saß neben Esther und strich ihr heimlich unterm Tisch über die Hände. Sie war von Ungeduld erfüllt, die andere möge sich mit tieferen und innerlichen Worten ihr nähern, und wartete nur auf das erlösende bedeutsame Wort. – Und sie quälte Esther mit wunderlichen Fragen und Forderungen.