Eliza hatte eine seltsame frühreife Art zu sprechen. Die Art sehr gewissenhafter und beobachtender Menschen: es war wie eine plastische Nachgestaltung der Geschehnisse. – Sie dachte ein wenig, wobei sie ganz unerwartet ihrem Vater ähnlich wurde und sprach fort: »Ja – und dann erzählte Mutter uns aus der Geschichte. Aber alles, was schrecklich und traurig darin war, verschwieg sie uns. Ich weiß gar nicht, wie sie das möglich machte, aber wir erfuhren nichts über Tod und Entsetzen. So, daß wir es dann später gar nicht verstehen konnten, als sie uns starb. Wir hatten einfach den Schmerz nicht begreifen gelernt.«

»Du und dein Bruder?«

»Nein, der war schon von Hause fort. Ich und eine Schwester, die jetzt tot ist. Sie war zarter als ich und hat nie das Entbehren lernen können – obschon wir nicht sehr traurig waren, als Mutter starb.«

Über Elizas Hände ging die letzte Sonne. Es waren überzarte Hände. Esther dachte: sie haben einen Zug der Unwirklichkeit.

»Du verstehst alles so sehr,« sagte sie zu dem Kind und strich ihr über die Hände. Ja, es lag über diesen Händen wie die Ahnung von künftigem Leid.

Da ließ das Mädchen mit einer sonderbar hilflosen Bewegung den Kopf auf Esthers Schulter sinken und weinte. –

Sie weinte immer mehr und sagte dazwischen: »ich weiß gar nicht, warum es ist – ich verstehe mich gar nicht.« – Und Esther zog sie zu sich heran. Sie fühlte die Wärme ihres Körpers zu der andern übergehen wie im instinktiven Beschützenwollen erwachender Mütterlichkeit und spürte, daß Eliza ruhig wurde und auf ihren Herzschlag hörte.

Doch da geschah etwas ganz Seltsames: Esther erhob die Augen von dem Kind, das da an ihrer Brust weinte und sah plötzlich in ein Gesicht, das mit dem Ausdruck verzehrender Sehnsucht zu ihr gewandt war. Sie sah ratlos zur Seite und dann wieder hin – aber da stand im beschatteten Rahmen der Thür Adam Rude mit seinem gewohnten verschlossenen Gesichtsausdruck. Er nahm sich in der Dämmerung aus wie ein alter Van Dyck. Langsam kam er jetzt auf die beiden Mädchen zu und strich seiner Tochter über das Haar. Dabei sah er mit einem verlorenen Blick zum Fenster hinaus und sagte: »Kind – Kind.« – Und wieder: »Kind, Kind!«

Dann wandte er sich schwerfällig und verließ das Zimmer. – –

Zwischen den beiden Mädchen blieb es jetzt still. Draußen ging die Dämmerung und verhüllte das Land. Und an dem dichtgrünen Schutzzaun nagte der Wind, vergebens mit seinem leisen, gierigen Stöhnen Einlaß suchend. – Über die Menschen kam ein Gefühl der Geborgenheit.