Sie packte die Malgeräte zusammen, trug sie hinauf in ihr Zimmer und stellte die Leinwand zum Trocknen auf. Dann sah sie mit mancherlei kleinen, zerstreuten Gedanken hinaus in den Abendhimmel, wo die große rote Sonne sich feierlich dem Horizont zuneigte. – – – –
Am Abendbrottisch dozierte Arne. – Er besaß einen nach jeder Richtung hin unfehlbaren Geschmack.
Unter anderm gab es da ein Buch von Peter Nansen – »Gottesfriede«. – Esther hatte es schon vor einigen Jahren gelesen, Arne durch Zufall erst jetzt.
»Ich bereue die Zeit, in der ich dieses Buch nicht kannte,« erklärte Arne.
»Es ist das Hohelied vom Weibe. Es ist das holdeste und keuscheste Buch, das ich kenne. Wer dafür kein Verständnis hat, mit dem ist von vornherein nicht zu reden!«
Esther lächelte. »Dann müssen Sie mit mir gewiß nicht drüber sprechen – mich hat es unwahr berührt.«
Arne runzelte ungnädig die Stirn. »Was ist ›unwahr‹ daran?«
»Es ist nicht ›rein‹, wenn ein Mädchen nichts anderes von der Liebe will, als Mutter werden –«
»Das ist die Reinheit der Natur!«
»Doch wohl nicht so ganz –« Esther zögerte ein wenig sich auszusprechen, aber dann sagte sie: »Das ist vielleicht die Natur des Tieres und ursprünglich des Menschen auch – wie wir aber jetzt sind, haben wir zu sehr die zweite Natur: die Seele in uns entwickelt, als daß uns nicht andere und – göttlichere Dinge zusammenführen. Mir scheint, eine vollkommene Liebe ist Sehnsucht nach der andern Seele – nicht nur Mittel zu einem Zweck der Natur.«