»Sie sind vorhin immer vor mir hergegangen, Esther – ich habe Sie gesehen.«

Sie erschrak, weil sie seine Worte wie die Brücke zu tieferem Sinn nahm – aber dann fiel ihr ein, daß ja nur sie es war, die ihn erkannt hatte. Da tauchte auch wieder die Wirklichkeit an die Oberfläche.

»Jetzt ist Esther das Hausmütterchen, ja?« wandte sich nun Maria zu ihr. – Und sie gingen hinein in das Haus, und Esther trug Obst auf den Tisch und Wein, der aus einem feinen, hohen Krug gegossen wurde. Und alles ordnete sie Maria zu Händen. Und alles sah aus, als sei es nichts als ein Opfer, Marias Schönheit gebracht.

»Die ungleichen Schwestern,« sagte Lothar; dabei hingen aber seine Augen selbstvergessen nur an der, die er liebte.

Und Esther übersetzte in Gedanken seine Worte: Wir demütigen uns vor ihr. – Und sie lächelte zu der schönen Schwester hinüber.

Maria erzählte von einem Lied, das sie gestern niedergeschrieben hatte. Sie dichtete in Tönen und Worten. Das stimmte auch zu ihrer Persönlichkeit. Esther und Lothar aber übten nur die schweigsame Kunst der Malerei, die sich im Bewundern und genießendem Verstehen bescheidet.

Dann setzte sich Maria an das Klavier und gab zu einer einfachen Melodie ihr Lied, das sie nur mit ganz leiser, halb sprechender Stimme sang:

»Legt Narzissen auf mein Grab,
Ich habe mich zu viel gesehnt –
Schwarze Tujazweige drüber,
Weil mir keiner Liebe gab.
Rote Rosen streut zu Füßen,
Die bedeuten meine Träume,
Und zu Häupten eine Lilie,
Daß mich eure Engel grüßen –
Und dann laßt mich dem Vergessen.«

Es klang so weich und rührend, wie die schöne Maria mit ihrer zu schwachen Stimme sang. Man vergaß darüber, daß sie die schöne Maria war, der ja alle Liebe stets zu Füßen lag, die nie eine vergebliche Sehnsucht gekannt hatte. Und das Herz that sich auf in Zärtlichkeit für diesen melancholischen Liebreiz.

Esther verstand nicht mehr. Ein häßlicher Gedanke drängte sich ihr auf. »Tändeln mit dem Schmerz,« dachte sie.