Sie sah hinüber zu Lothar. Der saß in die stumme Anbetung versunken, die man dem Leid eines geliebten Menschen weiht. Da stieg eine gegenstandslose Scham in ihr auf.

»Aber die Dichter lügen zu viel!« – Hatte sie selbst denn dieses spottsüchtige Citat gesprochen?

Lothar sah sie mit ganz erstauntem Mißfallen an. Und Maria – die arme, schöne Maria machte so hilflose Kinderaugen. – – –

Als Lothar dann fortging, sprach er. Er traf mit Esther im Hausflur zusammen, denn er war zuletzt allein mit Maria gewesen, und sagte: »Warum haben Sie ihr das angethan? Man darf ihr nicht wehe thun – Sie gehört zu den Menschen, denen man nicht weh thun darf.«

Und Esther senkte den Kopf. »Ich weiß es. Ich weiß es wohl.«


Zuweilen kam eine Sehnsucht nach starken, heißen Farben über sie. Am Berg standen Ebereschen. Dort war es am schönsten, wenn die brennroten Beeren durch den Nebel schimmerten. Das gab ein Gefühl der Abgeschlossenheit mit dieser einzigen Farbe.

Immer wieder mußte sie dorthin gehen wie zu einem Geheimnis. Sie lächelte über sich selbst.

Ihr Weg führte an vielen Wachholdersträuchen vorüber, die sich wie sagenhafte Linien entfernter Pyramiden abhoben. Und über Felsgeröll mußte sie klettern, bis endlich das Plateau mit den Ebereschen erreicht war.

Die roten Beeren aus dem Nebel leuchtend – mit der grellen Deutlichkeit einer verzückten Vision – – – –