Nein, auch Karen war nicht zu finden. Nur das friedliche Summen von kochendem Wasser ließ sich hören. Über einen Nagel am Thürpfosten war ein Rock Arnes zum Ausbürsten aufgehängt. Esther trat hin und strich mit der Hand über den Ärmel. Dann horchte sie, ob auch niemand käme. Und sie that noch einmal dasselbe – wie eine scheue Liebkosung war es. Und plötzlich drückte sie auch ihre Stirn hinein.

Dann ging sie leise und wie mit einem kindlich bösen Gewissen wieder hinaus. Dabei war ihr im Innersten eine stille keimende Freude.

Sie kam am Postkasten vorbei, der unter dem freien Herzausschnitt der Hausthür angebracht war. Man hatte ihn gestern vergessen zu leeren –

Sonst würde sie diesen Brief von Lydia schon einen Tag früher gelesen haben.

Sie that ihn zögernd von einer Hand in die andere. Plötzlich kam es ihr: Wenn sie ihn nun gar nicht öffnete? Wenn sie so alle Verbindung mit der Vergangenheit abbrechen könnte? So daß ihr Leben gleichsam neu wurde und rein von Schmerzen – –

Aber was waren das für sinnlose Gedanken! Nein, standhalten wollte sie von nun an allem, was dort drüben her ihrer Sehnsucht winkte. –

Sie ging in die Stube zurück und las den Brief –

Lydia erzählte allerhand Kleinigkeiten aus der Heimat, ihre eigne Person immer nur nebensächlich berührend.

Da fand sich auch eine Stelle, als Esther die las, war der ganze übrige Brief vergessen. Sie las noch einmal – da war schon das alte Herzweh wieder eingedrungen.

»– – ja, es ist noch das alte Glück. Ich hörte ihn zu deiner Schwester sagen: ›Du bist es, die für mich ist‹. Und sie antwortete: ›Und du für mich‹ –«