»Ja, sie schreiben – ich werde bald reisen müssen.«
»Sie wollen wieder fort, Fräulein Esther? Hier im Hause hofft man, daß Sie immer bleiben möchten.«
»Ich bin so lange schon fort,« sagte Esther eintönig.
Er antwortete gar nicht, sah sie nur mit dem traurig befremdeten Blick eines Hundes an, der Güte und immer nur Güte von seinem Herrn zu erwarten gewohnt war und sich nun getäuscht sieht. Er ging. Es war ein stummes Richten.
Aber sie dachte nichts als: es ist gut so, denn es wäre eine Lüge gewesen.
Doch nun würde sie auch nicht länger in diesem Hause bleiben können.
Die Heimkehr stieg vor ihr auf – nicht die Heimkehr mit den tausend Masten der Sehnsucht – es würde die stille dumpfe Heimkehr des Ausgestoßenen vom fremden Lande sein. Und wie gegen das Schicksal gerichtet erhob sich bei diesem Gedanken eine flehende Abwehr in ihr. Nur nicht zurück auf den Ausgangspunkt ihres Leides!
Eine alte Sage fiel ihr ein: Der Tod kommt zu einem Mann und spricht: »In dieser Nacht noch schickt mich der Herr, dich zu holen.«
Und von Entsetzen und Widerstand gegen das Schicksal ergriffen, will der Mann dem Gebot Gottes entfliehen. Er besteigt sein schnellstes Pferd und jagt über das Land. Er spornt das Tier, daß es die Luft schneidet, als bräche ein Sturm entgegen, daß es schäumt und keucht, lange Wolkenzüge von aufgewirbeltem Staub hinter sich läßt im rasenden Ritt.
Und wie Mitternacht kommt, ist der Mann weit im Innern der Wüste angelangt, wo kein andrer Mensch mehr nah und fern zu finden ist.