»Sind auch die Leute gut zu dir?«
»Was denn? Sie gehen mich nichts an. Ich will nichts von ihnen – sie wollen nichts von mir, als daß ich ihren Kindern Stunden gebe. Warum sollten sie gut zu mir sein?«
»Wolltest du nie jemanden, den du liebst, und der dich lieb hat, Lydia?«
»Ich habe ja dich. Ich möchte niemand sonst.«
»Möchtest du keinen Mann, wie die andern Mädchen?«
Da kam eine plötzliche Energie in die Haltung des blassen Mädchens, und sie richtete ihre, sehr schönen, ausdrucksvollen Augen auf Esther: »Wer auch zu mir käme, ich wollte niemand als dich. Du bist gut zu mir gewesen wie sonst kein Mensch. Und ich habe alles von dir bekommen – alles!«
Esther dachte: Ich habe ja so wenig zu geben – es ist alles so fest in mich eingewachsen, daß nicht Wort und nicht Gebärde es lösen könnte. – Ich gehöre ja zu denen, die schweigen müssen. Weshalb glaubt sie nur an mich? – Und sie sagte: »Wenn du nur nicht einmal siehst, daß ich dir nicht genüge.«
»Ich will nichts von dir. Ich will dich nur lieb haben dürfen,« sagte die andre.
Und sie saßen nieder an einer Hügelböschung. Vor ihnen lief der Fluß, und das Wasser war so blank wie Glas. Drüben am andern Ufer wurde Heu gemacht. Das Uferschilf rasselte manchmal in die Stille hinein, wie ein wohlbewaffnetes Heer, das unversehens aus seinem Versteck brechen will. –
Ganz plötzlich kam ihr der Wunsch wohlzuthun. Sie nahm die Hand des häßlichen Mädchens und küßte sie.