Da trat sie mit einer leichten scheuen Bewegung zu ihm hin und lehnte sich an ihn. Und er legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich, bis sie ganz leise weinte an seiner Brust. Es war jedoch nicht lange gewesen, dann machte sie sich schon wieder los.
Er sagte aber: »Ich danke dir.«
Eliza kam am letzten Abend zu ihr. Sie schlüpfte zu Esther ins Bett, weinte viel und ließ sich gerne trösten. Sie wollte immer neue Liebkosungen von Esther haben und spielte stundenlang eine kleine, sanfte Komödie des Schmerzes. Es war so schön, wenn Esther sie küßte und ihr gute Worte sagte! –
So kam es, daß sie erst im letzten Augenblick die Trennung wirklich begriff. Und nun stand sie, mit ihren seltsamen Augen, die alles Traurige verstanden, starr vor sich hinblickend in stummer Erschütterung.
Es wird erst kommen, wenn ich fort bin, dachte Esther, und ihr Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen, daß sie nun nicht mehr dieses Kind schützen und trösten dürfe – daß diese Seele mit der frühen Todesahnung dem Leben preisgegeben war. –
Neben ihr im Wagen saß Arne. Er hatte darum gebeten, sie nach der Bahn fahren zu dürfen. – Adam Rude hatte sich eingeschlossen und durch Arne einen Brief geschickt, den Esther erst unterwegs lesen sollte. »Es steht alles drin,« mußte Arne ausrichten.
Arne hatte den hellen Kopf die ganze Zeit gesenkt, und Esther wunderte sich plötzlich, warum es ihr früher nie aufgefallen sei, daß seine Traurigkeit etwas so Unreifes, Knabenhaftes hatte – es war jene Traurigkeit, für die ringsum die ganze Erde ein Garten des Trostes bleibt.
Und sie wünschte ihm, schon wie aus der Ferne, ein künftiges Glück, als sie sich mit einem einfachen »Lebewohl« trennten. Sie saß schon im Zug und sah noch einmal zum Fenster hinaus, da wollte er noch etwas sagen – aber die Thränen nahmen seine Stimme. »Leicht getrocknete Jugendthränen,« dachte Esther. Und plötzlich sah sie ihn wieder, wie er mit seiner warmen, strahlenden Jugend zu ihr gekommen war – zu ihr, die nur Schmerz und Schweigen kannte. Und ihr Herz füllte sich mit einem Dank, der ohne Bitterkeit war. –
Neben ihr saß als einzige Reisegefährtin eine Pflegeschwester. Sie las erst aus einem kleinen, schwarzen Gebetbuch, wobei sie die Lippen bewegte und andächtig vor sich hinsah.