Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es, was ich Dir zu danken habe.
Zuerst sah ich Dich wie ein Kind – ein schönes, liebes Kind, an dem ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen – mit jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib.
Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben, wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist. Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen.
Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und nichts will, als Dich feiern.
Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat – und mögest Du den finden, der dieses Glückes würdig ist.
Dein
Adam Rude.«
Zweiter Abschnitt
IX
In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.
Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof. Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene Griff ihre Finger.