Esther mußte daran denken, daß sie einmal »halbverhungert« hier aufgetaucht waren. Woher mochten sie kommen? Welchen Weg durch Entbehrungen mußten sie gegangen sein?

Mißtrauisch und argwöhnisch zeigten sie sich gegen jeden, der sich ihnen nicht feindlich näherte, denn sie glaubten sofort, der wollte etwas von ihnen. Warum sollte er denn sonst auch freundlich sein?

Unter jenen hatten sie gelebt, die sich auf den Fußbreit Erde drängen, den einer unter ihnen strauchelnd verliert. Sie hatten jeden Glauben an uneigennützige Güte verloren. Güte war ihnen nichts als Dummheit oder Verstellung. Selbst Fräulein Nancys Toilettenkünste mochten nicht weiblicher Gefallsucht, sondern einzig dem Ehrgeiz entspringen, noch als vollzählige Konkurrentin zu gelten – vollwertig an Kraft und Gesundheit, eine nicht zu übersehende Nummer unter denen, die neiden und beneidet werden. Sie wollte bis zuletzt als Rivalin im Kampf um die Arbeit mitrechnen.

Und doch gab es einen Funken von Güte auch unter ihnen. Das war die seltsame Liebe, die sie für einander hatten, diese rührende, oft grotesk wirkende Zärtlichkeit, deren unfreiwilliger Zeuge Esther zuweilen wurde. Die Besorgnis, die einer für das Wohlsein des andern hatte, und die sich oft im allernaivsten Materialismus ausdrückte.

Esther beschäftigte sich so viel mit dem möglichen Schicksal dieser Nachbarschaft, daß sie es zuletzt förmlich noch zu allem andern sich selbst auflud – zu allem Dumpfen und Erdbedrückten, was sie schon zu tragen hatte.

Mit den andern Bewohnern der Pension kam sie selten außer den Mahlzeiten zusammen.

Da gab es ein »Fräulein Doktor«, die nächst dem Baron Ehrhard von Dunkelmann den Stolz des Hauses bildete. Ja hier war sowohl der Geburtsadel wie der Adel des Geistes vertreten, wie Fräulein Schulze Esther gleich anfangs versicherte. Außerdem erschien noch eine kleine, zarte und sehr bescheidene Musikschülerin bei Tisch, die Fräulein Schulzes Wohlwollen unter der unausgesprochenen Voraussetzung besaß, daß sie sehr wenig aß.

Fräulein Doktor Obenauf, Assistentin an der Frauenklinik des Professors D., führte zumeist die Unterhaltung. Sie war sehr aufgeklärt und benutzte gewöhnlich die mittäglichen Zusammenkünfte, um auch der übrigen Tischgesellschaft den Segen geistiger Freiheit zu gewähren.

»Stellen Sie sich einmal vor,« schrie sie mit ihrem weithintönenden Organ, »wo sollte denn eine Seele sich verstecken? Das ist alles Humbug, alles!

Glauben Sie nicht, ich habe genug Menschenleiber zersäbelt, um wissen zu können, wo eine Seele Raum haben könnte? Da ist ganz einfach kein Platz sage ich Ihnen, kein Platz!«