Fräulein Schulz, die eine Pastorentochter war, machte hier einen Einwand: »Es glauben aber doch so viele Leute daran,« sagte sie und machte eine abwartende schiefe Kopfbewegung.
»Glauben! Hahaha glauben! Als ob das nur der allergeringste Beweis wäre!« trompetete die Obenauf. »Ich als Ärztin sage Ihnen, daß kein Platz für eine Seele ist, und damit Punktum.«
»So, so – ja gewiß,« sagte Fräulein Schulze und kroch in sich zusammen. »Als Ärztin müssen Sie das natürlich wissen.«
Esther hielt sich gern von solchen Debatten fern. Die kleine Musikschülerin schwieg, weil sie sich vor der Stimme der Ärztin zu fürchten schien, und weil sie sich vielleicht auch noch nicht weiter über seelische Angelegenheiten beunruhigt hatte. Der wirkliche Baron aber lächelte vielsagend.
Man wußte sehr wenig über das Leben des Barons. Er hatte jedoch einmal den Ausspruch gethan, daß ein Künstler die moralische Verpflichtung habe, sich nie durch eine Ehe zu binden, denn in diesem Falle würde er durch den heiligen Egoismus des Genies sowohl sich als seine Frau unglücklich machen, denn er sei infolgedessen nicht fähig, die Verantwortung auch noch für eine andre Individualität zu übernehmen.
Er sah sehr bewegt aus bei dieser Erklärung, und so schloß man fortan, daß er selbst zu jenen leidgekrönten Egoisten gehöre. Sobald die Rede auf eine Streitfrage der Kunst kam, mußte seine Autorität zur Entscheidung aufgerufen werden.
Und er hatte dann eine ganz eigenartig rätselhafte Art, in der er seine Aussprüche hervorbrachte.
»Die Dekadence vergleiche ich mit dem müden, rosigen Licht der Ampel,« sagte er. »Und ist dieses gedämpfte Licht der Nacht nicht sinnberückender als der grelle, plumpe Sonnenschein?«
Fräulein Schulze horchte andächtig auf, wagte aber nichts zu antworten, weil sie befürchtete, es möchte vielleicht nicht zart genug ausfallen.