Sie griff wieder zu dem Brief und las weiter –
Aber was war denn das?
»Seine Verlobte ist ein Fräulein Ingeborg Peersen, die er diesen Winter in Fredensborg kennen gelernt hat.«
Esther ließ den Brief sinken.
Sie schämte sich plötzlich. Es war kein großes, quälendes Schamgefühl – nur ein peinliches Erröten – jenes Empfinden, unter dem ein anständiger Mensch immer den Wunsch hat, zur Seite zu sehen. –
XI
Esther war jetzt über die mechanischen Vorübungen hinausgekommen. Die Arbeit fing an ein tieferes Eingehen zu beanspruchen.
Ihre Gedanken konnten nicht mehr wie bisher beständig die alten, ausgetretenen Wege, an toten und niedergehaltenen Empfindungen vorüber, gehen. Sie brauchte den ganzen Intellekt für ihre Thätigkeit, der sie sich mit immer größerem Eifer hingab.
Fast unwillkürlich gewann sie sich aus den Eindrücken ihrer Umgebung nur mehr Studien über Licht- und Farbenwirkungen und beobachtete die Gesetze der Plastik, die so eigentümlich von der Beleuchtung abhängig sind.
Erst jetzt verstand sie, wie viel Drangabe des reinen Intellektes jede Kunst beansprucht, die sich der Dilettant immer als eine mühelose Himmelsgabe vorstellt, wie viel Arbeit vor allem dazu gehört, den Zufall zu beherrschen.