Und heute –

Sie sah und sah –

Und da war alles vergessen, was schwer auf ihr gelegen.

»Die Schönheit,« dachte sie nur, »die Schönheit!«

Auf der Höhe des Berges küßt der Mann in der Tracht eines fahrenden Sängers das Weib. Ganz zart berührt er ihre nackte Schönheit. Seine Augen sind geschlossen, um den Mund die Keuschheit des Betenden. Und über allem der stille, ruhende Ausdruck der Erlösung.

In dichter Fülle schlingen sich Rosen unter der goldenen Leiste hin, die den Abschluß des Bildes angiebt. Schwere brokatene Vorhänge, die in ihrer massigen Farbenauftragung den Vordergrund bilden, sind wie vor einem Heiligenbild zurückgezogen.

»Auf freier Höhe« heißt das Bild.

Und Esther stand davor und sah bald in den zart verblassenden Himmel, von dem sich eine kleine zitternde Birke abhebt – und dann auf die ruhige Schönheit der Frau, die mit einem entrückten Ausdruck ins Weite sieht, und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, in dem noch die Qualen verflossener Jugendzweifel zu kennen sind hinter der Ruhe der Befreiung.

Endlich riß sie sich los.

Und es war, als sei noch einmal ihre Seele im Erblühen gewesen unter dem tiefen Eindruck der Schönheit.