Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung. »Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.«
Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und hatten traurige, müde Augen.
Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe, die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt. Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. – Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama entlassen,« setzte sie lachend hinzu.
Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme war wie von Leben durchzittert.
Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen – dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem, was er verschweigt.«
»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?« sagte Esther leise.
»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann – ein neues Glück darauf bauen!«
»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück zulassen – die das Glück nicht zulassen?«
»Nein – nie!«
»Sie meinen?«