Die Warche, welche das Thal durchfließt, entspringt auf den bewaldeten Höhen bei Losheim, Büllingen, Rocherath und Udenbreth, wo sich auch die Quellen des Kyllflusses befinden. Sie vereinigt sich auf belgischem Boden mit der Amel und ergießt sich dann unter dem Namen Aywaille in die Ourthe. Die Warchenne, das bereits genannte Nebenflüßchen, dient zum Betriebe der Gerbereien in Malmedy. Das Warchethal ist ziemlich eng und felsig, erweitert sich von Bévercé an und wird unterhalb der Stadt wohl auch Warchebrückethal genannt. Eine Brücke verbindet Malmedy mit der Vorstadt Outrelepont (wörtlich: Ueber die Brücke hinaus), deren Häuser allerdings nicht so stattlich aussehen.
Je mehr Fremde nach Malmedy kommen, desto schneller verschönert sich die Stadt. Bis vor Kurzem ließen sich die Bewohner in einzelnen Straßen ein recht holperiges Pflaster gefallen; in der letzten Zeit ist dem aber anders geworden. Auch besitzt die Stadt jetzt eine Wasserleitung und eine Gasanstalt.
Das landschaftlich und architektonisch so anmutige Bild Malmedys wird nur selten von fremdem, buntem Leben verändert, und wem das Schicksal eine besondere Gunst erweisen will, den führt es dorthin zur Zeit eines Manövers. Dann findet man dort Paraden mit Musikkorps, Militär-Concerte, und wenn Sedan sich noch dazugesellt, so schläft man ruhiger bei der Feldbäckerei draußen auf den Höhen von Weismes, als in dem Gasthofe, der mit der Abend- und Nachtfeier des 2. September gesegnet ist. Die deutschen Militärtafeln an den Häusern gewähren, wie Heinrich Freimuth hervorhebt, zu solcher Zeit zwischen den französischen Straßennamen und Firmenschildern einen auffallenden Gegensatz und den Eindruck einer deutschen Besatzung wälschen Bodens.
Malmedy ist mit Naturschönheiten mannigfacher Art ausgestattet. Es besitzt in der Umgegend mehrere Mineralquellen, von denen die bedeutendsten die Géromont-, Insel- und Felsenquellen sind, deren Wasser demjenigen der Quellen von Spa und Langenschwalbach gleich oder sogar noch überlegen sein sollen. Die Quellen werden wie auch in Spa Pouhons (wallonisch = Sprudel) genannt: Pouhon des Iles, Pouhon des Cuves. Besonders letzteren findet man an einem idyllischen, allerdings noch ungepflegten Orte. Wegen der Vertiefungen, die das Wasser sich selbst in Felsen geschaffen hat und von denen eine die Form eines Bottichs (cuve) hat, nannte man die Quelle Pouhon des Cuves. Die Géromontquelle war früher gefaßt, aber das Brunnenhaus ist in Verfall geraten. Dagegen ist der Pouhon des Iles, so genannt nach den Inselchen, welche in der Nähe die Verzweigungen der Warche bilden, zur Benutzung eingerichtet. Diese Quelle liefert täglich 70000 Liter Wasser und besitzt eine ziemlich gleichmäßige Temperatur von +9 Grad C. Seit 1871 wird von hier Mineralwasser versandt. Ich werde später noch auf diese Quellen zurückkommen.
Man geht jetzt ernstlich mit dem Plane um, aus der Stadt einen Kurort zu machen. Die Lage ist günstig sowohl für Deutsche und Belgier, als auch für Holländer, Franzosen u. s. w. Dadurch würde natürlich das Städtchen in der Badezeit ein internationales Gepräge erhalten. Es hat sich eine Aktiengesellschaft „Malmedy-Werke“ gebildet, welche nicht bloß die Stadt mit Gas und Wasser versorgt, sondern auch die Mineralquellen ausbeutet. Die Aussichten sind sehr günstig für dieses Unternehmen. Der Besuch zahlreicher Badegäste wird dazu beitragen, die wallonische Mundart zu verdrängen, und die deutsche Sprache wird dann jedenfalls eine raschere Verbreitung finden, als jetzt. Allerdings wird der geographischen Lage wegen auch das Französische daneben eine Rolle spielen.
Man könnte vielleicht einwenden, die Nähe von Spa verhindere die Entwickelung der Stadt zu einem bedeutenden Badeort. Ich bin aber nicht der Ansicht. In Spa ist das Leben so teuer, daß, wenn man nicht gerade Geld zum Wegwerfen hat, man möglichst bald der Stadt den Rücken dreht. Sobald in Malmedy den Touristen aller wünschenswerte Komfort geboten wird, werden viele Kurgäste sich mit einem kurzen Aufenthalt in Spa begnügen und sich zur wirklichen Erholung in Malmedy niederlassen. Da die Stadt thatsächlich zweisprachig ist, werden Touristen aus allen Ländern sich dort einfinden. Für Vergnügungen muß allerdings auch gesorgt werden, denn diese sind in einem modernen Badeort geradezu unentbehrlich.
Von der anmutigen Vennstadt aus kann man lohnende Spaziergänge in die nähere und weitere Umgegend unternehmen, so auf den Kalvarienberg, in das Thal von Bévercé, auf die Höhen von Floriheid, nach der Ruine Reinhardstein, dem Felsen von Falize u. s. w. Der jäh aufsteigende, bewaldete und teilweise felsige Kalvarienberg (Livremont) — es führt ein Stationenweg hinauf — mit seinen Terrassengärten überragt den Hauptteil der Stadt und bildet den Eckpfeiler, an welchem die Thäler der Warche, die die Stadt nur an ihrem untersten Ende berührt, und der Warchenne zusammentreffen. Man genießt einen überraschenden Blick auf die Stadt von der mit einem Pavillon gekrönten überhängenden Felsplatte, genannt roche tournante. Auch von den Höhen von Floriheid genießt man eine schöne Aussicht auf die Stadt.
Die Malmedyer sind einigermaßen stolz auf ihre Eigenschaft als Städter, und sie werden es sich schon gern gefallen lassen, wenn aus ihrem Landstädtchen ein berühmter Badeort wird. Den Landhäusern in der Umgebung geben sie meist etwas stolze Namen, wie Monbijou, Monrepos, Monplaisir, Monidée, Bellevue u. s. w. Diese Villen sind übrigens hübsch gelegen; die Gärten sind stufenförmig an den Abhängen angelegt. Weiter hinaus findet man Gehöfte, sogenannte „Fermen“ (fermes, Pachthöfe), bis schließlich die Haide sich wieder auf den weiten Flächen ausdehnt.
Die meisten Bewohner der Wallonie sind katholisch. Die 325 Protestanten des Kreises entfallen fast nur auf Beamte, Grenzaufseher, Gendarmen u. s. w. Seit 1845 umfaßt der ganze Kreis eine protestantische Seelsorgestation. Der protestantische Gottesdienst findet im alten Abteigebäude, im ehemaligen Refektorium der Benediktinermönche statt. Juden giebt es hier, sowie im angrenzenden Kreise Montjoie, gar nicht.
Der Charakter der Einwohner hat bei der abgeschlossenen Lage des Ortes noch die Tugenden bewahrt, welche ein Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, der Engländer Lucas, an ihnen pries: Anstand, industrieller Fleiß, Mäßigkeit, Gefälligkeit und große Zuvorkommenheit gegen Fremde. Malmedy war von jeher eine gewerbfleißige Stadt, obschon sie wenig den Charakter einer Industriestadt trägt. Die Pulverfabriken, deren es im 17. Jahrhundert eine Anzahl dort gab, sind verschwunden. Auch die Tuchfabrikation ist Anfangs dieses Jahrhunderts zurückgegangen. Unter anderen Industrieen sind noch in Malmedy: eine Dominospielfabrik und zwei Blaufärbereien verbunden mit Kittelfabrikation. Das älteste und noch jetzt bedeutendste Gewerbe ist jedoch die Lohgerberei, die schon seit 1500 betrieben wird. Es heißt zwar, daß die Eigenschaften des Wassers der Warchenne die Lederbereitung sehr erleichtern, jedoch haben die Gerber ihre Erfolge wohl am meisten ihrem Wahlspruch: „Du tan et du temps“[17] zu verdanken. Eine Papierfabrik beschäftigt über 500 Arbeiter und genießt einen Weltruf durch die Erzeugung von photographischem Papier.