[15] Ueber den Untergang des Fürstentums schreibt Heinrich Freimuth in seinen „Ardennenwanderungen“: „Malmedy hatte auch seine Erklärung der Republik, ein Liliput-Revolutiönchen mit allem Pathos einer Weltkatastrophe nach berüchtigtem Pariser Muster, eine wahre Harlekinade auf untergeschnalltem Kothurn. Das Spiel der als „unverletzlich“ erklärten „Nationalversammlung“ von Malmedy mit dem revolutionären Feuer lief dann aber in einen regelrechten Brand aus, von welchem der altehrwürdige, zwölfhundert Jahre alte Thronsessel der Fürstäbte verzehrt wurde. Im Regierungsarchiv zu Düsseldorf ruhen die Reste des berühmten Toten, der das Fürstentum Stavelot-Malmedy heißt, in Form der einzig aus Brand und Krieg geretteten Archive des letztern, nach langer schicksalsreicher Irrfahrt. Die Mönche hatten sie als traurige Fuhrleute 1794 nach dem westfälischen Olpe geflüchtet, wo ein Jahr darauf mit der Hälfte der Wohnungen auch ein Teil dieser geschichtlichen Schätze verbrannte. Der Rest kam teilweise nach Münster und teilweise nach Hanau, wohin der letzte aus der langen Reihe der Fürstäbte, Abt Cölestin Thys, geflüchtet war. Später waren sie in Aachen Gegenstand langwieriger Verhandlungen zwischen Preußen und Holland, sowie nachher zwischen Preußen und Belgien.“ — Die Bewohner von Stavelot und Malmedy lebten glücklich in ihrer Abgeschiedenheit, so lange sie nicht durch Stürme von auswärts gestört wurden. Ueber die geistlichen Herrscher urteilt Arséne de Noüe wie folgt: „Es sei fern von uns zu erklären, daß alle Fürsten von Stavelot Muster der Tugend waren; die Geschichte würde uns Lügen strafen; aber wenn wir von den dem Lande aufgezwungenen Titular-Aebten absehen, bemerken wir höchstens drei unwürdige Aebte auf der Liste. Sie waren von der verdorbenen Atmosphäre dieser Zeit umgeben. Uebrigens trägt von den regelrecht gewählten Aebten keiner das Brandmal der Infamie auf der Stirn; ihr einziges Laster bestand in der Freigebigkeit.“
[16] Ueber die sprachlichen Verhältnisse berichtet Arséne de Noüe sehr wenig; die Spuren deutscher Sprache scheint er zu verschweigen, dagegen erwähnt er ausdrücklich, daß in dem Fürstentum dieselbe Sprache gesprochen wurde wie in Lüttich. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir auch schon Schwestern (Sepulcrines) aus Verviers in Malmedy, woselbst sie besonders den wohlhabenderen Töchtern Unterricht erteilten. In diesem Pensionat war jedenfalls die französische Sprache vorherrschend. Die Schule wurde nach der französischen Revolution wieder aufgerichtet. Auch die Kapuziner, die sich 1617 in Malmedy niederließen, kamen aus Lüttich. Der Gebrauch der französischen Schriftsprache verallgemeinerte sich besonders seit der Revolution, und von 1815 an war das Deutsche Amtssprache. Das älteste wallonische Dokument, das aus dem ehemaligen Fürstentum erhalten ist, ist die Verfassung von 1459, in welcher einzelne Ausdrücke an den Einfluß des Deutschen erinnern.
III.
Die Stadt Malmedy.
Malmedy liegt sehr hübsch in einem Thale, das schon der hl. Bernhard „das lieblichste der Ardennenthäler“ nannte, und hätte schon längst ein Kurort werden können, da es vortreffliche Mineralquellen besitzt. Für die Touristen, die vom Niederrhein kamen, war die Reise dorthin aber zu beschwerlich, und man wagte es wohl auch nicht, mit dem ziemlich nahegelegenen berühmten Spa in Wettbewerb zu treten. Vom Bahnhof her glaubt man bereits in einen Kurort zu kommen, wenn man die freundlichen Villen und Gartenhäuser bemerkt. Im Innern ist die Stadt allerdings gar nicht großstädtisch; sie trägt vielmehr den Charakter eines ruhigen Landstädtchens, und da jede geräuschvolle oder die Bewohner durch Rauch belästigende Industrie fehlt, wird sie von Touristen und Sommerfrischlern gern besucht. Wenn einmal eine größere Anzahl von Kurgästen die Mineralquellen von Malmedy aufsuchen, wird sich die Stadt wohl rascher entwickeln als bisher.
Malmedy liegt unter 50°28′ nördl. Breite, 23°34′54″ östlicher Länge. Es ist eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Aachen und zählte am 1. Dezember 1895 4600 Einwohner (Zunahme: 182 seit 1890), davon sind ungefähr 3000 Wallonen. Außer einer Kreisbehörde besitzt es ein Hauptzollamt, ein Amtsgericht, ein Katasteramt, eine Sparkasse, ein Progymnasium, eine höhere Töchterschule, mehrere Spitäler u. s. w. Die Stadt liegt nur 2 geographische Meilen von Spa und 4 Meilen von Eupen entfernt. Ein Bach, die Warchenne, durchläuft in mehreren jetzt zum größten Teile überdeckten Rinnsalen die Stadt, um sogleich nachher sein krystallhelles Wasser in die breitere Warche zu ergießen, welche eine Stunde unterhalb in die Amel mündet. Diese fließt an Stavelot vorbei und bildet später einen Zufluß zur Maas.
Malmedy liegt höher als Spa. Während letzteres am Pouhon etwa um 250 Meter das Meeresniveau überragt, liegt der Fuß der Kirche von Malmedy 332 Meter oder 1023 Fuß hoch. Der hervorragendste Punkt des Hohen Venns liegt noch 1118 Fuß höher; es ist dies der Bodranche (auch Baudrange geschrieben), von wo aus man bei hellem Wetter das Siebengebirge erblicken kann.
Die klimatischen Verhältnisse Malmedys sind nicht wesentlich von denen Spa’s verschieden. Daß ziemlich jähe Temperaturwechsel an beiden Orten stattfinden, ist nicht abzuleugnen. Beiden Städten ist wegen ihres Wasserreichtums auch eine gewisse Feuchtigkeit der Atmosphäre gemeinsam, welche aber für die heißen Sommertage erwünscht ist. Gegen die rauhen Nord- und Nordwestwinde ist Malmedy durch hohe Bergzüge geschützt. Die hohe Lage und die umgebende Waldung gewährt den Bewohnern den Vorteil frischer reiner Gebirgsluft, deren anregende tonisirende Eigenschaften Jeder, der dort verweilt, bald empfinden wird. Wenn auch die Einwohner nicht zu dem stärksten Menschenschlage gehören, so erfreuen sie sich doch im Ganzen einer blühenden, widerstandsfähigen Gesundheit. Die Bewohner sind übrigens gefällig und von einem in der Eifel ziemlich seltenen Wohlstande.
Ein öffentlicher Platz führt den etwas hochklingenden Namen „Place de Rome“ (Römerplatz), angeblich weil die Römer früher eine Niederlassung dort hatten. An Sehenswürdigkeiten besitzt Malmedy vorerst die Abteikirche im Spätrenaissancestil, die seit 1819 als Pfarrkirche dient. Der interessante Bau mit zwei Türmen, der 1775 errichtet wurde, erhebt sich am Chateletplatz und dicht daneben befindet sich das alte Abteigebäude. Das Innere der Kirche mit ihren polychromierten Wänden ist sehenswert. In derselben werden in einem kostbaren Schrein die Gebeine des hl. Quirinus aufbewahrt. Die Kirche besitzt ein schönes Glockenspiel, das alle Viertelstunde lustige, weltliche Weisen ertönen läßt. So gut katholisch die Bewohner auch sind, so wenig nehmen sie doch an diesen Melodien Anstoß, die sie zwar an das Schwinden der Zeit erinnern, aber meistens so fröhlich klingen, daß man schier ein Tänzchen dazu wagen möchte. „Heil Dir im Siegerkranz“, „Ueb’ immer Treu und Redlichkeit“, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“, „Adam hatte sieben Söhne“ und andere schöne Melodien wechseln auf der Walze, will sagen in dem Glockenspiel mit einander ab.
In den anstoßenden Abteigebäulichkeiten befinden sich jetzt das Amtsgericht, das Hauptzollamt, das Progymnasium, die Wohnung des katholischen Oberpfarrers, der evangelische Betsaal, das Gefängnis u. s. w. Schon hieraus kann man schließen, daß die frühere Benediktinerabtei sehr geräumig ist. Außer der Pfarrkirche besitzt Malmedy noch die Kapuzinerkirche, die in einer engen Straße etwas abseits liegt, und ebenfalls sehenswert ist. Der Kapuzinerorden hatte 1623 eine Niederlassung dort gegründet und eine Kirche errichtet. Diese besitzt einen schönen Renaissance-Altar mit einem Gemälde, die Geburt Christi darstellend, ein Werk des Malers Counet, der im vorigen Jahrhundert in Malmedy lebte. Von Gotteshäusern sind noch zu nennen: die Chapelle de la Résurrection an der Rue Neuf (!), die Chapelle des Malades, eine Wallfahrtskapelle in der Nähe des Pouhon-Brunnens, die Chapelle Ste. Hélène und die Klosterkirche.
Außer dem bereits genannten Chateletplatz besitzt die Stadt noch den Gereonsplatz, sowie den Marktplatz mit einem Brunnenobelisken, der 1781 mit einem Kostenaufwande von 500 Florins errichtet wurde.