Unter den Nachfolgern Heinrich v. Merodes wurde das Land noch öfter von räuberischen Einfällen, von Pest und Hungersnot heimgesucht. Eine der sympathischsten Erscheinungen unter sämmtlichen Fürsten ist zweifellos der an Stelle des 1499 verstorbenen heiligmäßigen Caspar Poncin gewählte Wilhelm von Manderscheid, jüngster Sohn des Grafen Wilhelm I. von Manderscheid und seiner Gemahlin Adelheid von Mörs. Fürstabt Wilhelm ist einer der wenigen Fürsten, die in Malmedy ihren Wohnsitz nahmen; zu seiner Zeit zählte Malmedy 330 Wohnhäuser, Stavelot dagegen nur 190. Während seiner 47jährigen Regierung hat Wilhelm sehr vieles zum Wohle seines Landes und zur Verschönerung der beiden Städte gethan. Im Jahre 1525 ließ er in beiden Städten den Grundstein zu den beiden Palästen legen, die die Residenz der Fürstäbte sein sollten. Der Palast in Malmedy bestand bis zur Feuersbrunst am 11. Juni 1782. Wilhelm von Manderscheid hatte die Gepflogenheit, zu Weihnachten die erste Messe in Stavelot, die zweite in Malmedy und die dritte in Prüm, dessen Abt er auch war, zu lesen, und zwar, indem er die Wege von einer Abtei zur andern zu Pferde zurücklegte. Er starb, 70 Jahre alt, im Jahre 1547.

Drei bayrische Prinzen, Ernst, Ferdinand und Wilhelm regierten als Aebte von 1580 bis 1657. Im Jahre 1587 mußten die Bewohner von Malmedy es schwer büßen, daß sie den Spaniern Geschützpulver geliefert hatten. In der Stadt wurde nämlich Pulver erzeugt, und so wurde diese Industrie ihr zum Verhängnis. Das Pulver wurde von den geschäftseifrigen Pulvermüllern an die unrechte Kriegspartei verkauft und dann der Stadt von der Gegenpartei in natura zurückgezahlt — aus Büchsen und Geschützen. Der Prinz von Oranien ließ durch den berüchtigten Schenk von Nideggen die Kirche und 70 Häuser der Stadt in Brand stecken, das Kloster plündern, die Pulvermühlen zerstören u. s. w. Um die räuberischen Einfälle abzuwehren, mußten die beiden Schwesterstädte sich mit Mauern und Festungswerken ähnlich wie Spa und Verviers umgeben. Fünfzig Jahre später wurden die Befestigungen jedoch mit Ausnahme einiger Thore abgerissen. Am meisten hausten in Malmedy, wie auch an vielen anderen Orten, die Truppen Ludwig’s XIV., die 1650 unter Turenne monatelang dort ihr grausames Spiel trieben, so daß viele Bewohner nach Deutschland auswanderten. In der folgenden Friedenszeit lebte die Stadt wieder auf, und der Handel wurde für sie eine Quelle des Wohlstandes.

Am Ende des 17. Jahrhunderts hatte das Fürstentum ein Drittel seines früheren Gebietes verloren. Besonders die Herzoge von Luxemburg hatten anscheinend ihre Stellung als Vögte mißbraucht, um sich eine Anzahl Ortschaften anzueignen. Ueberdies befand sich das Land infolge von Kriegen, Feuersbrünsten, räuberischen Einfällen u. s. w. in einem trostlosen Zustande: es zählte nur mehr 1693 Häuser (vorher 3780). Im Jahre 1686 finden wir als Nachfolger des hl. Remaclus den Kardinal Wilhelm Egon von Fürstenberg auf dem Abbatialsitze von Stavelot, unter dessen Regierung die Franzosen sich auf das wehrlose Ländchen warfen. Am 4. October 1689 steckten französische Truppen Stavelot und Malmedy in Brand, und in den beiden Städten konnten von 1020 Häusern nur etwa 100 gerettet werden. Dadurch hatte das Land so große Verluste erlitten, daß es eine allgemeine Anleihe von 134,000 Thaler in Lüttich, Verviers und anderen Orten aufnehmen mußte und außerdem für die Klöster eine solche von 100,000 Thaler. Die reichsten und mächtigsten Familien waren überdies ausgewandert.[12] Schnell erhob sich ein neues Städtchen aus dem Trümmerhaufen, und auf ein Gesuch wurde dem Lande ein Teil der Steuern nachgelassen und auf 3 Jahre Befreiung von der Militärpflicht bewilligt. Diese Vergünstigung wurde 1715 noch auf vier weitere Jahre ausgedehnt.[13]

Das Fürstentum vermochte inmitten der Kriegswirren der Zeit seine Neutralität nicht geltend zu machen; immer wieder zogen Heerschaaren durch dasselbe, raubend, plündernd und mordend. In den Jahren 1741 bis 1753 stand das Fürstentum unter der Regierung von Joseph de Nollet, der wieder in Malmedy residirte und dem es sogar gelang, dieser Stadt den Vorrang über Stavelot vom päpstlichen Stuhle zuerkennen zu lassen. Ihm folgten noch die beiden Fürstäbte Delmotte und Hübin; unter ihrem Nachfolger schlug für das Land des hl. Remaclus die Stunde der Auflösung als selbständiges Staatengebilde; der im Jahre 1787 am 4. Januar gewählte 77. Fürstabt Cölestin Thys sollte der letzte sein. Malmedy feierte diese Wahl als ein freudiges Ereignis, weil Thys Prior dort war. Er wurde in Köln geweiht und leistete den Eid in Stavelot. Er war gebildet, aber schwach und wenig in Verwaltungssachen erfahren. Uebrigens hätte er auch ohnehin den französischen Revolutionären nicht widerstehen können. Die Unzufriedenheit, „le mal français“, ergriff auch die Bewohner des Fürstentums, die eine förmliche National-Versammlung bildeten, welche dem Fürstabt ihre Forderungen vortrug. Es war eine Art Miniatur-Revolution, die zugleich den Todeskampf des Fürstentums bedeutete. Arséne de Noüe nennt sie eine „pitoyable parodie de la révolution française, augmentée de la contrefaçon de la révolte liégeoise.“ In Lüttich, der bedeutendsten Nachbarstadt, hatte es nämlich so gewaltig gegährt, daß man die Wirkung selbst in Stavelot und Malmedy verspürte. Auswärtige Emissäre durchzogen das Land, um die Bewohner aufzuwiegeln. Im Kapuzinerkloster trat die Nationalversammlung zusammen, deren Mitglieder ihre Person als heilig und unverletzlich erklärten. Inzwischen trafen auf Veranlassung des Abtes, der sich nicht mehr sicher fühlte, 450 Mann aus Köln in Malmedy ein unter dem Befehl des Oberstlieutenants Frhr. v. Wolzogen. Die Bürgerschaft forderte aber den Rückzug der Truppen und weigerte sich, für den Unterhalt derselben aufzukommen. Sie wurde bald darauf von 2000 „Patrioten“ aus Franchimont unterstützt; und als die deutschen Truppen nun auf die Bitte des Abtes sich zurückzogen, war auch seine Autorität vollends geschwunden und der eigentliche Aufruhr brach los. Die Mönche ließen ihre Archive und Kostbarkeiten auf Wagen nach Deutschland transportieren. Das Volk wollte zwar seinen Fürsten nicht vertreiben, aber es verlangte zahlreiche Rechte und Freiheiten, Aenderungen in der Verwaltung u. s. w. Im Februar 1792 zog ein österreichisches Regiment durch Malmedy, und in den folgenden Monaten kamen französische Truppen und Emigranten dort an. Im November flüchteten der Abt sowie eine Anzahl Mönche aus Malmedy. Französische Dragoner plünderten die Abtei und errichteten einen Freiheitsbaum. Die Franzosen mußten aber am 3. März 1793 wieder abziehen. Der Abt kehrte bald darauf inkognito zurück und ließ eine Untersuchung über die Anhänger der Revolution eröffnen. Die Bewohner weigerten sich aber, ihr Land von den Oesterreichern besetzen zu lassen. Nach einer kurzen ruhigen Periode empörten sich die Bewohner der Grafschaft Logne, welche zu Stavelot-Malmedy gehörte, und der Abt rief deshalb die Württemberger zu Hilfe. Am 21. Juli verließ er sein Land für immer. Er starb am 1. November 1796 in Hanau bei Frankfurt a. M. und wurde in Groß-Steinheim begraben.[14]

So liegt nun der letzte unglückliche Fürst eines Landes, welches über 1100 Jahre hindurch gleichsam allen Stürmen und Umwälzungen der Zeiten getrotzt hatte, aber der französischen Anarchie zum Opfer fallen mußte, fern von seiner Abtei begraben, und nicht einmal ein Grabstein bezeichnet seine Ruhestätte! Die Mönche wurden entweder deportirt oder in der weiten Welt zersprengt, die Archive entweder vernichtet oder nach allen Seiten zerstreut.

Am 1. Oktober 1794 proklamirte der Bürger Brixhe aus Spa auf dem öffentlichen Platz in Malmedy die Vereinigung mit der Republik, und durch das Gesetz vom 9. Vendemiaire Jahr IV (1. Oktober 1795) erklärte die französische Nationalversammlung die Gebiete von Lüttich, Stavelot, Logne und Malmedy mit Frankreich vereinigt. So ging das kleine Fürstentum in den Fluten der Revolution unter, nachdem es 1146 Jahre bestanden hatte.[15]

Die Bewohner von Malmedy waren über ihre Vereinigung mit der französischen Republik keineswegs erbaut. Die Annexion wurde aber durch die Verträge von Campo-Formio und Lunéville bestätigt. Malmedy wurde zum Ourthe-Departement geschlagen, dessen Hauptstadt Lüttich war. Die Stadt wurde Sitz eines Unterpräfekten. Durch den Wiener Vertrag vom 9. Juni 1815 wurde Stavelot mit den Niederlanden vereinigt, während Malmedy mit Umgebung, soweit sie zur Diözese Köln gehörten, an Preußen kam. Malmedy ist noch gegenwärtig eine Kreisstadt im Regierungsbezirk Aachen.[16]

Aus Malmedy sind eine Anzahl hervorragender oder bekannter Männer hervorgegangen. Außer den vielen Aebten, Bischöfen und Theologen, die in dem Benediktinerkloster lebten und wirkten oder aus demselben hervorgegangen sind, verdienen wohl einige erwähnt zu werden.

Johann Ignaz Roderique (auch Rodric, Rodrigue und Rodrique geschrieben) wurde im Jahre 1697 in Malmedy geboren. Seine humanistische Bildung erhielt er in Aachen und trat, zwanzig Jahre alt, in den Jesuitenorden, aus welchem er jedoch, wie seine Gegner behaupten, schlechter Führung wegen ausgestoßen wurde. Er begab sich zu dem berühmten Georg von Ekkard nach Würzburg, wo er der Hochschule bald als Professor angehörte. Später siedelte er nach Köln über, heiratete dort eine begüterte Wittwe, die Eigentümerin der „Kölnischen Zeitung“. Arséne de Noüe sagt von ihm: „Unter seiner geschickten Leitung wurde das Blatt sehr bekannt, besonders während des Krieges wegen der Erbfolge Kaiser Karls VI. Roderique hatte es verstanden, in den beiden Lagern Korrespondenten zu finden, und was er nicht zu drucken wagte, ließ er den Interessenten im Manuskript zukommen.“ Er führte eine lebhafte Polemik mit dem Gelehrten Martenius wegen der Gleichberechtigung Malmedy’s mit Stavelot. Der Provinzialrat dieser Stadt ließ ihn sogar gerichtlich verfolgen, weil er behauptet hatte, Urkunden von Stavelot seien gefälscht. Er starb 1756, nachdem er mehrere lateinische Werke veröffentlicht und in seiner Vaterstadt eine Kapelle hatte errichten lassen.

Auf geschichtlichem und juristischem Gebiete war der 1748 in Malmedy geborene Augustin Villers litterarisch thätig, der Vorsitzender des Obergerichtshofs zu Malmedy, Staatsrat und Geheimrat des Fürsten Cölestin Thys wurde. Er schrieb u. a. die Gesetze des Landes nieder, sowie Kommentare dazu, ferner eine Geschichte der Aebte und ein wallonisch-französisches Wörterbuch. Diese Werke wurden nicht gedruckt, sind aber im Manuskript erhalten. Er starb in Folge eines Sturzes vom Pferde im Alter von 46 Jahren.