Eine Weile folgten ihm die Kinder mit ihren Blicken, dann gingen sie weiter. Und während sie so dahinschlenderten, fiel Suse mit einemmal eine Reihe hoher, freischwebender Buchstaben ins Auge, die auf dem Dachfirst eines Hauses jenseits des Kanals standen. Sie machte ihren Bruder darauf aufmerksam.
„Hans, dort oben, guck, dort,“ rief sie, „war es nicht dort, wo gestern die hellen Buchstaben herumgehüpft sind, als die Lichter angezündet wurden und wir aus dem Fenster gesehen haben? Weißt du nicht mehr? Herrlich war das, gelt, wie immer einer hinter dem andern hergesprungen ist. Und wupp, waren sie alle miteinander weg und ausgelöscht. Und dann kamen sie wieder und sind wieder hintereinander hergesprungen. Das ist das Allerschönste hier. Am liebsten möchte ich eigentlich, daß wir auch daheim auf unserem Haus solche große Buchstaben hätten. Das wäre herrlich. Dann kämen alle Leute des Abends herbei und guckten sich unser Haus an. Und der Vater und die Mutter und wir ständen am Fenster und freuten uns über unser schönes Haus. Nicht wahr?“
Der Bruder nickte, hatte aber wenig acht auf der Schwester Rede, sondern mehr auf den Weg; denn er hatte die Führung übernommen und Suse versprochen, sie an ihrer Schule abzuliefern.
So war es ja immer. In gewöhnlichen Zeiten leitete die Schwester den Bruder gern, aber in schweren Tagen, wenn Not an den Mann trat, war er der leicht eingeschüchterten Suse treuster Führer. Wie ein geschickter Steuermann führte er sie jetzt, mit den Augen scharf nach allen Seiten spähend, und sie benutzte die Zeit derweil, um ihren Gefühlen in den merkwürdigsten Stoßseufzern Luft zu machen.
„Ach, ich möcht’, ich wäre schon in der Schule,“ sagte sie einmal. Dann wieder: „Ach, ich möcht’, ich wäre schon wieder aus der Schule heraus. — Ach, ich möcht’, ich wäre bei den Eltern..., ach, ich möchte, Frau Cimhuber wäre nicht so alt und Ursel sähe nicht so böse aus.“
Und plötzlich packte sie den erschreckten Bruder am Arm und raunte ihm zu: „Jetzt, Hans, jetzt paß auf, jetzt darfst du nicht auf die rechte Seite gucken. Da kommt das Haus, von dem ich dir gesagt habe, vor dem die toten Rehe auf der Straße liegen. Und alle haben sie ihre Köpfe herumgedreht, und ihre Hälse sind wie gebrochen. Und blutig sind sie, lauter Blut ist um sie herum, große Blutlachen schwimmen um sie herum.
Mir ist’s ganz schlecht geworden. Und du glaubst gar nicht, wie traurig sie mich angesehen haben. Und Hasen hängen dort, sicher hundert, an den Beinen.“
„Wo hängen die Hasen an den Beinen?“ fragte Hans aufgeregt.
„Guck nicht hin, Hans,“ wehrte Suse, „ich bitte dich, guck nicht hin, Hans!“ Und dann flüsterte sie ihm mit erschrecktem Gesichte zu: „Ein Mörder wohnt dort, ganz gewiß, Hans. Ich habe darüber nachgedacht, es ist ein Mörder.“
Es stimmte. Suse hatte gestern darüber nachgesonnen und dank ihrer lebhaften Phantasie eine wahre Schauergeschichte zusammengestellt, wonach ein Zauberer viel hundert Prinzessinnen in Rehe verwandelt und getötet hatte, weil sie ihm nicht gehorcht hatten.