„Sie rufen immer noch nicht, Hans,“ meinte sie ungeduldig. „Sie rufen immer noch nicht. — Weißt du was, wir laufen ohne Kaffee fort.“

„Das dürfen wir nicht, da wird Frau Cimhuber böse,“ entgegnete er.

„Aber wir kommen ja zu spät,“ sagte sie, hin und her trippelnd, „wir kommen zu spät. Und wir dürfen doch nicht zu spät kommen, Hans; ich will nicht zu spät kommen. Ich traue mich sowieso schon nicht in die Schule. Dann traue ich mich erst recht nicht. Lieber will ich keinen Kaffee.“

„Hopp, wir gehen,“ ermunterte das kleine Mädchen den Bruder, öffnete im selben Augenblick die Tür und eilte auf den Vorplatz. Gerade wollte sie mit dem Bruder in das Treppenhaus huschen und ein Stückchen von seinem Ranzen schwebte noch um die Ecke, da schaute Ursel verwundert zur Küche hinaus und hörte auf den Lärm. Mit einem Sprung war sie auf dem Vorplatz und von dort auf der Treppe, holte die beiden Flüchtlinge ein und führte sie in die Wohnung zurück.

„Nicht übel, nicht übel,“ sagte sie. „Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte! Wollt ihr schon durchbrennen? Jetzt mal hier herein ins Eßzimmer und trinkt euern Kaffee.“

Und gleich darauf saßen die beiden mit erhitzten Gesichtern der Pfarrfrau gegenüber am Kaffeetisch und sahen, wie ihre Pflegemutter traurig den Kopf schüttelte, wobei sich die Perlenschnüre ihres Häubchens verwirrten und sie mit anklagender Stimme sagte: „Ihr müßt euch mehr an das Gehorchen gewöhnen. Ihr wißt doch, daß wir euer Bestes, euer Allerbestes wollen.“

„Ja, das haben Vater und Mutter auch gesagt, daß Sie so gut zu uns sind,“ stotterte Suse, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Aber wir haben so Angst, daß wir zu spät zur Schule kommen. Wir möchten lieber keinen Kaffee.“

„Wir sorgen dafür, daß ihr nicht zu spät kommt,“ sagte die Pfarrfrau. „Ich habe es schon einmal gesagt, ihr müßt Vertrauen zu uns haben. Ursel und ich wollen euer Allerbestes.“

Die Kinder aßen und tranken verschüchtert und ängstlich, fast mit Widerstreben und waren froh, als sie endlich aufstehen und sich entfernen durften.

In großer Eile liefen sie die Treppe hinunter auf die Straße. Jetzt waren sie ja frei. Frau Cimhubers Haus gegenüber führte eine Brücke über den Kanal, und dort hinüber ging ihr Weg. Gerade als sie die Brücke überschritten, kam ein mit Steinen beladenes Schiff daher. Düster aussehende Männer, die an die Holzhauer in der Doktorskinder Heimatsort erinnerten, standen auf dem Kahn und stießen ihn mit langen Stangen vorwärts. Langsam zog er unter der Brücke durch, dumpf hallten die Stimmen der Männer herauf, und langsam kam er auf der andern Seite wieder zum Vorschein.